
Alicia Partnoy wurde vom 12. Januar 1977 bis zum 25. April in La Escuelita, einem geheimen Haftzentrum in Bahía Blanca in Argentinien gefangen gehalten und von dort an einen anderen Ort gebracht, wo sie als Vermisste galt. Erst im Juni 1977 wurde ihre Familie über ihren Aufenthaltsort informiert. Dennoch blieb sie zweieinhalb Jahre als politische Gefangene weiter in Haft. Und erst kurz vor Weihnachten 1979 wurde sie unter der Auflage, das Land zu verlassen, von der Haftanstalt aus direkt zum Flughafen gebracht, wo sie auch ihre kleine Tochter traf, mit der sie dann in die USA flog. Dort befand sich seit geraumer Zeit auch ihr Ehemann, der zum selben Zeitpunkt wie sie entführt und gefangen gehalten worden war. In ihrem Buch La Escuelita beschreibt sie in Form kleiner zeugnishafter Erzählungen ihre Zeit während der Haft.
Neben vielen Auszeichnungen wurde das Buch in verschiedenen Gerichtsverfahren als Beweis zugelassen. Ein kurzer Abschnitt findet sich auch in dem Bericht „Nunca más. Informe de la Comisión Nacional Sobre la Desaparición de Personas“ von 1984, welcher auch 1987 vom Hamburger Institut für Sozialforschung auf Deutsch herausgegeben wurde. La Escuelita wurde ursprünglich 1986 unter dem Titel The Little School. Tales of Disappearence and Survival in Argentina in den USA veröffentlicht und 1998 neu aufgelegt. Eine weitere Version erschien 1987 in London. 2006 erschien die erste Version auf Spanisch in Buenos Aires unter dem Titel La Escuelita. Relatos testimoniales. Eine Neuauflage erschien 2011 mit einem Vorwort von Osvaldo Bayer ebenfalls in Buenos Aires. Und eine weitere Neuauflage, diesmal mit einigen Aktualisierungen, im Jahr 2024, wieder in Buenos Aires. Gleichzeitig wurde das Buch ins Französische übersetzt (2016) und auch in Israel veröffentlicht (2020).
Viele Leser lassen sich durch den Wechsel der Erzählstimme verwirren, und es ist am besten, diese Geschichten als Zeugnis-Vignetten über die „Kleine Schule“ zu betrachten – ein Internierungslager und eine Folterkammer, die symbolisch für viele ähnliche Einrichtungen während des „schmutzigen Krieges“ in Argentinien stehen. Partnoy erinnert sich an ihre Erfahrungen als politische Gefangene und hält sie fest. Ihr Schreiben dient als Akt des Widerstands und als politisches Zeugnis (beispielsweise diente das Buch als Beweismittel gegen den argentinischen General und Diktator Jorge Rafael Videla). Während viele der Wachen von ihren Foltertaten freigesprochen wurden, lässt Partnoy weder ihr Land noch ihre Leser die Menschlichkeit der über 30.000 „Verschwundenen“ vergessen. Ihr Schreiben gibt den Stimmlosen eine Stimme und schreibt die Geschichte neu, wie sie bisher noch nicht aufgezeichnet wurde. Ein sehr wichtiger Text des 20. Jahrhunderts. Ihre Geschichte hat die Welt dazu gebracht, die Augen dafür zu öffnen, wie Frauen im Zusammenhang mit dem gewaltsamen Verschwindenlassen von Menschen in ganz Lateinamerika behadelt wurden.