Zwischen Erinnern und Vergessen

Bild: transcript.open

Eine neue Publikation zur Colonia Dignidad beleuchtet verschiedene Facetten dieser deutschen Siedlung in Chile: Die Dissertation von Meike Dreckmann-Nielen mit dem Titel Colonia Dignidad zwischen Erinnern und Vergessen. Zur Erinnerungskultur in der ehemaligen Siedlungsgemeinschaft analysiert den Umgang mit der Vergangenheit innerhalb der ehemaligen Siedlungsgemeinschaft.

Die Colonia Dignidad erlangte wegen zahlreicher bis heute unaufgeklärter Menschenrechtsverbrechen internationale Bekanntheit. Die Tatsache, dass einstige Mitglieder der deutschen Gruppe das historische Siedlungsgelände in Chile unter dem Namen »Villa Baviera« (dt. bayerisches Dorf) schrittweise zu einem touristischen Freizeitort umfunktioniert haben, sorgt angesichts der mangelnden Aufarbeitung für anhaltende Kritik. Meike Dreckmann-Nielen hat für ihre Dissertation untersucht, wie sich einstige Mitglieder der Gruppe heute an ihre eigene Vergangenheit erinnern. In ihrer Studie ermöglicht sie einen intimen Einblick in komplexe erinnerungskulturelle Dynamiken im Mikrokosmos dieser ehemaligen Siedlungsgemeinschaft.

In ihrer Danksagung äußert die Autorin die Hoffnung, einen Beitrag zur Aufarbeitung leisten zu können, und widmet das Buch deshalb allen Betroffenen, denen entweder in der Colonia Dignidad oder durch sie Leid zugefügt wurde. Und auch denjenigen Personen, die sich von Beginn an für die Aufklärung der begangenen Verbrechen eingesetzt haben. Das Buch kann als open access bei [transcript] heruntergeladen werden. Dort ist auch die Printausgabe erhältlich.

Die Strasse zum 10. Juli

Nona Fernández zählt heute zu den wichtigsten zeitgenössischen Stimmen der chilenischen Literatur. Die Schauspielerin, die sich als Drehbuchautorin für Telenovelas ihren Lebensunterhalt verdient, schreibt auch Theaterstücke und hat mittlerweile zahlreiche Preise für ihr literarisches Schaffen erhalten, u. a. 2003 (für Die Toten im trüben Wasser des Mapocho) und 2008 (für Die Straße zum 10. Juli) den chilenischen Literaturpreis Premio Municipal de Literatura in der Kategorie Bester Roman. Ihre Werke wurden bereits in mehrere Sprachen übersetzt und erlangten im spanischsprachigen Raum schon viel Beachtung, ebenso wie ihre Erinnerungsarbeit auf der Bühne. Denn ihre Bedeutung als Schriftstellerin besteht nicht nur darin, Geschichten zu schreiben, sondern insbesondere darin, dass sie aktiv an chilenischer Geschichte mitschreibt, historische Lücken und Umdeutungen anmahnt, an die Vergessenen erinnert und das Schweigen bricht. In ihrem Roman Die Straße zum 10. Juli (Originaltitel Av. 10 de julio Huamachuco, übersetzt von Anna Gentz) tut sie dies zum ersten Mal auch mit der von dem deutschen Paul Schäfer in Chile begründeten Colonia Dignidad und zieht damit erstmals eine explizite Verbindung zur deutschen Geschichte.

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Kultureller Postkolonialismus in Zeiten der „soft power“

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) beschreibt den Begriff „soft power“ [engl.: »weiche Macht«] als eine besondere Form der Machtausübung von Staaten und politischen Akteuren über andere Staaten und Gesellschaften. Zu den Mitteln der „soft power“ zählen, im Unterschied zur „hard power“ [engl. »harte Macht«] mit militärischen Ressourcen, die Vorbildfunktion, Attraktivität und die Vermittlung eigener Normen und Werte. Dabei ist das Spektrum sehr weit gefasst: es reicht von der Anziehungskraft des »American Way of Life« bis zu westlichen Werten wie Demokratie und Menschenrechte, die als Maßstab und Vorbild dienen und zu einer nicht militärischen Konfliktlösung in internationalen Beziehungen beitragen. Geprägt wurde der Begriff in den späten 1980er Jahren vom US-amerikanischen Politikwissenschaftler Joseph S. Nye Jr.

Zu Postkolonialismus schreibt die bpb, dass viele der Aspekte aus dem Kolonialismus nicht zuletzt dank der Anregungen der Postcolonial Studies ins Zentrum der Kolonialgeschichtsschreibung gerückt sind. Diese Forschungsrichtung entstand in den 1980er Jahren, meist unter Bezug auf das Buch Orientalismus von Edward Said. Die Perspektive ist jedoch älter, und bereits bei Mahatma Gandhi, Frantz Fanon oder Aimé Césaire in der Nachkriegszeit finden sich Positionen, die eine ähnlich gelagerte Kritik am kolonialen Diskurs formuliert haben.

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Pierre Charbonnier: Überfluss und Freiheit

Pierre Charbonnier entwirft in »Überfluss und Freiheit« die erste philosophische Ideengeschichte zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Die ökologische Krise der Gegenwart sieht er als Chance, sozial und politisch umzudenken und als Gesellschaft neue Wege zu gehen. Dabei setzt Charbonnier auf eine radikal andere Politik, die nicht notwendig mit Verzicht verbunden ist. Ihm geht es um eine ökologische Ideen­geschichte, die schon lange vor der Geschichte des Umwelt­bewusstseins beginnt. Dazu unternimmt er einen spannenden Gang durch die Denk­landschaften der letzten fast 400 Jahre: von Hugo Grotius und John Locke über Adam Smith, Alexis de Tocqueville, Pierre-Joseph Proudhon, Karl Marx und Émile Durkheim bis zu Thorstein Veblen und Karl Polanyi. Und zeitg damit: Die Erde wird seit dem 17. Jahrhundert als unerschöpfliche Quelle von Wohlstand und Wachstum gesehen. Alle seither entwickelten politischen Ideen beruhen darauf, vor allem die zentralen Begriffe von Freiheit und Gleichheit, von Autonomie und von Wachstum bzw. Überfluss. Doch das ist eine fatale Sicht auf das Verhältnis von Mensch und Natur.

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Archäologische Stätte Xiol

Die bei einem Bau für einen Industriepark in der Nähe von Merida, Yucatan, entdeckte Maya-Stadt Xiol, was so viel bedeutet wie „Geist des Menschen“, weist große Fortschritte beim Wiederaufbau auf. Nach achtmonatigen Ausgrabungen und Eingriffen sind bereits einige Paläste im Puuc-Stil und ein Zeremonialplatz zu sehen.

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Bücher sind Waffen, sowohl zum Angriff als auch zur Verteidigung

Weil Bücher eine Waffe sowohl zum Angriff als auch zur Verteidigung sind, sollen mehr als 100 Millionen russische Exemplare, darunter einige Klassiker der Weltliteratur, aus den öffentlichen Bibliotheken der Ukraine entfernt werden, kündigte Oleksandra Koval, Leiterin des ukrainischen Buchinstituts, einer Einrichtung, die dem ukrainischen Kulturministerium untersteht, gestern in einem Interview an. Sie erläuterte, wie wichtig es sei, vor allem und noch vor Ende des Jahres „Propagandaliteratur“ (mit anti-ukrainischem Inhalt), aber auch „klassische“ Exemplare der Weltliteratur zu beseitigen, da ihr Inhalt „ideologisch schädlich“ sei und aus der Sowjetzeit stamme. Puschkin, Dostojewski und Tolstoj gehören zu den Autoren, deren Werke von den ukrainischen Behörden aus ukrainischen Bibliotheken beschlagnahmt werden sollen. Dies soll in mehreren Schritten durchgeführt werden. In einer ersten Phase werden Bücher mit anti-ukrainischem Inhalt beschlagnahmt, mit imperialen Erzählungen und Propaganda von Gewalt, pro-russischer chauvinistischer Politik, während in der zweiten Phase Texte zeitgenössischer russischer Autoren beschlagnahmt werden sollen, die nach 1991 in Russland veröffentlicht wurden und verschiedenen Genres angehören, einschließlich Kinderbüchern, Liebesromanen und Krimis. Was die klassische Literatur anbelangt, gebe es viele Gegner, die Puschkin, Dostojewski oder Tolstoi, dessen bekanntestes Buch der Antikriegsroman Krieg und Frieden ist, als heilige Autoren, die man nicht anfassen darf betrachten; dennoch gäbe es keine Argumente, warum dies nicht möglich sei.

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Rassistisches Erbe

Der Dudenverlag, also jener Verlag, der das maßgebliche deutsche Wörterbuch herausgibt, hat jetzt ein neues Buch von Susan Arndt, Literaturwissenschaftlerin und Rassismusforscherin an der Universität Bayreuth, herausgegeben. Unter dem Titel Rassistisches Erbe: Wie wir mit der kolonialen Vergangenheit unserer Sprache umgehen, versucht Arndt aufzuzeigen, wie die Geschichte unsere Sprache noch immer rassistisch prägt und nutzt dafür aufschlussreiche Wortanalysen zu Problemfällen und neuen Alternativen, um eine Orientierung bei der sprachlichen Aufarbeitung von Rassismus zu geben. In der Ankündigung zu dem Buch ist zu lesen: ”Bei der aufgeheizten politischen Debatte um sprachliche Grenzen und diskriminierende Wortverwendungen, stellt sich die Frage, welche Wörter man benutzen darf. Wo liegen beispielsweise die Unterschiede zwischen »Farbiger« und »Person of Color«? Dieses Buch erläutert, wieso das N-Wort aus der Sprache verschwindet und hinterfragt kritisch, welche vergangenen Denkmuster in Wörtern wie »Naturvolk«, »Eingeborene« und »Tropenmedizin« stecken. Die Kulturwissenschaftlerin Susan Arndt setzt sich entlang konkreter Beispiele mit dem kolonialen Erbe in unserer Sprache auseinander. Darüber hinaus diskutiert sie die Zusammenhänge zwischen Sprache und Macht. Sie zeigt, welche Möglichkeiten wir haben, mit der kolonialen Vergangenheit in unserer Sprache umzugehen und wie neuere Begriffsverwendungen, wie »Indigene Menschen« oder »weiß«, Alternativen bieten.“

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Aus globalen Krisen lernen

Im Zeitmagazin (Nr. 19 vom 05.05.2022) findet sich ein Interview mit Andrew Gowers über seine Lehren aus globalen Desastern. Mehrmals in seiner Karriere hat er es erlebt, wenn in großen Konzernen plötzlich alles zusammenbricht. Als Kommunikationschef bei Lehman Brothers war er nah an der „größten Finanzkatastrophe aller Zeiten“ (S. 28) dran; nach der Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko machte er beim BP-Konzern „die größte Umweltkatastrophe der modernen Welt“ (S. 28) mit; für ihn ist Rupert Murdoch, der australische Medienmogul, „für eine Menge Mist verantwortlich“ (S. 29), da er mit dafür gesorgt hat, „dass der Zustand unserer Demokratie weniger gesund ist als vorher“ (S. 29). Und auch Angela Merkel „handelte [in ihrer gesamten Amtszeit] wie eine Agentin der deutschen Wirtschaft […], getrieben von wirtschaftlichen Interessen“ (S. 29).

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Frazadas del Estadio Nacional

Frazadas del Estadio Nacional (2003) von Jorge Montealegre wurde drei Jahrzehnte nach der politischen Inhaftierung seines Autors im Rahmen der zahlreichen Initiativen veröffentlicht, die in Chile zum 30. Jahrestag des Militärputsches durchgeführt wurden. Montealegre wurde am 28. September 1973 in seinem Haus verhaftet und in das Nationalstadion der Hauptstadt gebracht, wo er bis zum 9. November festgehalten wurde, als er zusammen mit mehreren hundert anderen Gefangenen nach Chacabuco verlegt wurde, einer alten verlassenen Salpeterfabrik im Norden des Landes, die zu einem Konzentrationslager umfunktioniert wurde. Dort blieb er bis Juli 1974, als er aus dem Land ausgewiesen wurde und bis 1979 im Exil lebte.

Die Geschichte beginnt mit einer Art Bitte an das „Diktat der Erinnerung“, um einen Blick auf das Ich, das nicht mehr existiert, werfen zu können, wobei sich der Erzähler zunächst im Dunkeln befindet, kniend unter einer Decke, ohne Bilder, in einem gebrochenen Dialog mit dem jungen Mann, der er damals war, und den er bittet, ihn nicht allein zu lassen, damit er als alter Mann das schreiben kann, was einem Heranwachsenden passiert ist. Die Decke, die seinen Kopf bedeckt, erhält der Gefangene einige Tage nach seiner Ankunft in der Haftanstalt.

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Feria Internacional del Libro de La Habana (FILH)

Die Ausgabe 2022 der Internationalen Buchmesse von Havanna (FILH), Kuba, wurde gestern unter Teilnahme von Mexiko als Ehrengast eröffnet. Dazu wurde in der Casa Benemérito de Las Américas Benito Juárez in der kubanischen Hauptstadt die Ausstellung Welcome to Paradise des mexikanischen Fotografen Oswaldo Ruiz eingeweiht. Diese Ausstellung erkundet Städte in Ländern wie Chile, Mexiko, der Dominikanischen Republik und Kolumbien, um die Archetypen, die ihnen innewohnen, und die Vorstellungen, die sie verbinden, zu entschlüsseln.

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