Kants Theorie der Selbstsetzung

Bild: Königshausen & Neumann

Kants Opus postumum systematisiert deduktiv die Gesamtheit der intentionalen Projektionen des Subjekts sowohl in der Form als auch in der Materie. In dem vorliegenden Buch wird diese Systematisierung Theorie der Selbstsetzung genannt. In ihr beginnt Kant, die Intentionalität des logisch-transzendentalen Bewusstseins (apprehensio simplex) aufzuzeigen. Von hier aus geht Kant in Richtung einer metaphysischen Selbstsetzung, die sowohl das Ideal des Äthers als auch die Vorstellung des Subjekts als Leib-in-der-Welt einschließt. Diese Phase stellt den Versuch dar, zu zeigen, dass die synthetische Einheit der Kritik der reinen Vernunft (KrV) als Grund der Erfahrung unzureichend ist, und dass sie in eine metaphysische Einheit verwandelt werden muss, die ideale Formen der Selbstsetzung unserer Subjektivität einschließt. In diesem Zusammenhang ermöglicht es die Idee der Welt, ein Bild der organischen Interaktion des leiblichen Subjekts mit der äußeren Welt zu erhalten und daraus den richtigen Perspektivismus für eine Immanente Physiologie abzuleiten.

Diese neue physiologische Konzeption der Transzendentalphilosophie, in der sowohl das Subjekt als auch die Wirklichkeit eine neue, genuin immanente Beschaffenheit erhalten, ist genau diejenige, die in den formal-transzendentalen Interpretationsmodellen, die bis heute aufeinander gefolgt sind, keinen Platz findet. Vielleicht kann nur eine schrittweise Abkehr vom formal-transzendentalen epistémè der KrV den Blick auf die Alternative freigeben, die uns Kant in seinem Opus postumum hinterlassen hat. Der hier vorgelegte Vorschlag versucht, zum ersten Mal einen neuen Weg des Verständnisses der Transzendentalphilosophie als Immanente Physiologie zu eröffnen.

Good bye, Duden!

Für die geschlechtergerechte Sprache (‘lenguaje inclusivo’) in Argentinien hatte ich bereits ausgeführt, dass nach Anischt der Argentinischen Sprachakademie zwangsläufig zwei Wege beschritten werden müssten: der sprachliche und der gesellschaftspolitische Weg. Auch bei uns war über die Jahrhunderte klar: Ein Mieter ist ein Mensch, der etwas gemietet hat. Ob dieser Mensch männlich, weiblich oder divers ist, spielt dabei sprachlich keine Rolle. Schon 2018 warnte Gisela Zifonun vor einer Abschaffung des sogenannten generischen Maskulinums. Dabei bedeutet „generisch“, dass Personenbezeichnungen mit grammatisch männlichem Geschlecht wie „der Mieter“ nichts über das biologische Geschlecht aussagen.

In dem „IDS Sprachreport“ von 2018 (Jg. 34, Nr. 34, S. 44-56) gab sie ein anschauliches Beispiel:

Die Schriftstellerin Thea Dorn sagte in der ZDF-Sendung „Das literarische Quartett“ vom 2. März 2018: „Ich halte sie [Felicitas Hoppe, G.Z.] nicht nur für eine der wichtigsten Schriftstellerinnen, sondern für einen der wichtigsten Schriftsteller Deutschlands.“ Hier wird deutlich, dass die markierte feminine Form Schriftstellerinnen nicht leisten kann, was geleistet werden soll: Einordnung in den Top-Bereich der Gesamtklasse der schriftstellernden Personen Deutschlands. Die maskuline Form Schriftsteller muss hier generisch verstanden werden, aufgrund der vom Subjekt bezeichneten weiblichen Person.

Jetzt reiht sich der Duden ebenfalls in die Reihe derjenigen ein, die mit dem generischen Maskulinum abschließen wollen. Und auch wenn die Geschäftsführerin des Rates für deutsche Rechtschreibung, Sabine Krome, bezweifelt, dass „abenteuerliche Kreationen“ wie Gästin oder Neubildungen wie Bösewichtin, die jetzt im Online-Duden zu finden sind, eine relevante Rolle spielen, sollte vielleicht ein Blick auf den historischen Kontext des generischen Maskulinums geworfen werden.

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„Der Kampf liebt den Sieg“

So schrieb die Aktivistin Verónica Gago in ihren sozialen Medien, Lucha ama a victoria. In der neuen Ausgabe der Lateinamerika Nachrichten (Nr. 560 – Februar 2021) widmet sich die Redaktion in ihrem Editorial der kurz vor Jahresende 2020 zugestimmten Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in Argentinien. „Die Zustimmung des argentinischen Parlaments vom 30. Dezember wird zurecht als historisch bezeichnet, denn sie ist der Erfolg und vorläufige Höhepunkt einer immer stärker werdenden feministischen Bewegung. Sie ist das Ergebnis eines unermüdlichen kollektiven Kampfes, der nach Jahrzehnten einen Meilenstein errungen hat. Einen Meilenstein, der in die Welt hinausstrahlt und vor allem beispielhafte Bedeutung für Zukunftsprojektionen der Kämpfe in der Region hat.“ Allerdings ist die legale Abtreibung zweifellos nur ein vorläufiger Höhepunkt, denn die legale Abtreibung ist nur ein kleiner Teil einer feministischen Agenda. „Die gesellschaftlichen Debatten im Vorfeld haben glasklar gemacht, dass hinter dem Recht auf Abtreibung der Wunsch nach einer anderen sozialen Ordnung ohne Patriarchat steht. Und das bedeutet mehr als nur Parität oder Repräsentation. […] Legal abtreiben zu können, betrifft nicht nur die Entscheidung, wer gebären will, sondern hinterfragt genau den „Kern dessen, was eine Frau als Bürgerin für den Staat bedeutet“, wie die Aktivistin Marta Dillón sagt. Es hinterfragt die Familie als Institution und die für jede*n klar definierten Geschlechterrollen, die unbezahlte Haus- und Sorgearbeit – die Grundlagen des Systems.“

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Selfpublishing und Algorithmus

Im Jahr 2020 war das Buch Geliebter Knabe bei epubli die ganzen zwölf Monate verfügbar. Gemäß Jugendmedienschutzgesetz (JMStV) sind die Betreiber allerdings dazu verpflichtet, jugendgefährdende Inhalte in dem Shop auszublenden, was jetzt genau mit dem Buch passiert ist. Buchcover, Vorschau und Beschreibung wurden aus Jugendschutzgründen deaktiviert. Auf diese Weise soll vermieden werden, dass Kinder und Jugendliche in Büchern schmökern, die für sie inhaltlich unangemessen sein könnten. Anhand von bestimmten Schlagwörtern werden alle Bücher automatisch auf potenziell jugendgefährende Inhalte überprüft. Da es sich hierbei um einen vollautomatisierten Prozess handelt, kann allerdings leider nicht ausgeschlossen werden, dass es auch mal zu einer fehlerhaften Einstufung kommt. Gleichzeitig kann diese Einstufung jederzeit manuell geändert werden, was im Fall dieses Buches auch nach einer Rückfrage per E-Mail umgehend getan wurde. Die Publikation wird nun wieder uneingeschränkt im Shop bei epubli dargestellt.

Die Welt zu einem besseren Ort machen

Am heutigen 76. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee geht die Landing Page der gemeinnützigen BUXUS STIFTUNG für das Fritz Bauer Forum in Bochum online. Fritz Bauers Leben und Werk bekommt jetzt mit dem Fritz Bauer Forum einen Ort in Bochum, digital gibt es ihn ja schon. Jetzt hat die Stadt Bochum der BUXUS STIFTUNG hierfür ein faszinierendes Gebäude angeboten.

Bild: Fritz Bauer Forum

Im Zentrum steht die ehemalige Trauerhalle Havkenscheid, mit der Fritz Bauer Bibliothek als interaktiver Lernort. Selbstbewusst und auf den ersten Blick fast abweisend steht sie auf einem filigranen, teilweise transparenten Glassockel. Ein architektonisches Gegenmodell zur düsteren NS-Architektur auf dem Bochumer Hauptfriedhof?

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I Modi – Stellungen

Im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts wird der Name Aretino zum Synonym für Pornografie. Pietro Aretinos Werk Stellungen aber schien für immer verschollen zu sein.
Die Geschichte der erregenden Literatur ist eine der Verbote und der verschlossenen Bibliotheken, zugleich aber auch die Geschichte legendärer Bücher und schillernder Autorengestalten. Eine der berühmtesten ist die eines schmalen Buches, das 1525 in Rom gedruckt, verboten und verbrannt wurde, und doch den Ruhm seines Verfassers über Jahrhunderte hinweg begründete. Pietro Aretinos „I Modi – Stellungen, sechzehn Sonette“: der Urtext aller modernen Pornografie.

Dass die „Stellungen“ erst vor wenigen Jahren in dieser Nachdichtung von Thomas Hettche, die 2003 neu aufgelegt wird, auf Deutsch erschienen, zeigt, wie lange Verbote eine literarische Gattung im Zaum hielten. Doch nun droht der Pornografie, die einst den Siegeszug des Romans erst ermöglichte, unter der Last der Bilder ein endgültiger Verlust ihrer Macht.

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Die mutigste Bibliothek der Welt

Anlässlich des Welttages des Buches im Jahr 2018 hat The Guardian in einem Artikel einen Blick auf fünf Bibliotheken geworfen, die trotz verschiedenster Widrigkeiten weiterhin bestehen und damit großen Mut beweisen. Darin werden Bibliotheken in Kairo (The Vanished Library, Ägypten), Kabul (Kabul public library, Afghanistan), Mogadishu (Unnamed library in Mogadishu, Somalia), Roseau (Roseau public library, Dominica) und Bagdad (Iraq National Library and Archive, Irak) näher beschrieben.

Nun bekommt Bochum ebenfalls eine Bibliothek, die sich zu Recht „Die mutigste Bibliothek der Welt“ nennen darf. Die interaktive Fritz-Bauer-Bibliothek sammelt und erzählt die Geschichten von Personen, die sich für die Menschenrechte einsetzen. Es ist die erste Bibliothek, die den Widerstand der Überlebenden und ihrer Angehörigen weltweit und zu allen Zeiten erforscht und weitererzählt. 2019 ging die Bibliothek in Kooperation mit der vhs Bochum, der Stadtbibliothek und dem Zentrum für Stadtgeschichte in Bochum online und wächst seitdem stetig weiter. In der ehemaligen Trauerhalle Havkenscheid am Bochumer Zentralfriedhof wird diese interaktive Fritz-Bauer-Bibliothek an einem Ort der Ruhe und der Hoffnung auf gegenseitige Verständigung errichtet. An diesem Ort lädt die Bibliothek alle Menschen ein, den Widerstand gegen Menschenrechtsverletzungen in unserer Geschichte und Gegenwart näher kennenzulernen und auch weiter zu erforschen.

Wer Menschenrechtsbildung durch digitale Kompetenz stärken will, kann für den Ausbau der Bibliothek mit den mutigsten Geschichten in der Welt spenden. Nähere Informationen dazu finden sich bei der gemeinnützigen BUXUS Stiftung.

Kurzerzählungen V: Jahrmarkt bei Dämmerung – Antizipation – Beschreibungen

In dem fünften Buch aus der Reihe Kurzerzählungen werden drei der cuentos von García Ponce vorgestellt, die wieder das von ihm bevorzugte und experimentelle Thema der Erotik als Auflehnung gegen das Normale beinhalten. Dabei geht es diesmal um Betrachtungen, eine lange Reise sowie die Sehnsucht nach Verlorenem. García Ponce schreibt seine Kurzerzählungen in der Regel volkstümlich, ohne dabei zu sehr in die Folklore abzugleiten. Obwohl in der spanischen Rezeption vielfach die Erotik als das herausragende Merkmal seiner Kurzerzählungen gilt, lenkt diese Sichtweise sehr von dem eigentlichen historischen Wert dieses Autors für die mexikanische Literatur ab, der folgende Generationen auf unterschiedliche Weise nachhaltig geprägt hat.

Buch bei Amazon.

Offener Brief an Louise Glück

Vierzehn Jahre lang veröffentlichte der Verlag Pre-Textos die amerikanische Dichterin Louise Glück – genau sieben Bücher, die von Dichtern und Übersetzern aus verschiedenen Provinzen der spanischen Sprache übersetzt wurden – und setzte sich entschieden für sie ein, als sie außerhalb der englischsprachigen Welt praktisch niemand kannte. Es sind Bücher, die trotz der wirtschaftlichen Verluste, die sie darstellten, aufeinander folgten und ein weites Feld bekannt machten, in dem die Leser, die vor der Existenz dieser Übersetzungen nichts über Glück wussten, dank der Bemühungen von Manuel Borrás, Manolo Ramírez und Silvia Pratdesaba allmählich von der Autorin „kolonisiert“ wurden.

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Veraltete Übersetzungen

In ihrer Kolumne Verbotene Tiere bei Tralalit, dem Magazin für übersetzte Literatur, geht Christiane Quandt in einem Beitrag unter dem Titel Zwischenspiel: alternde Übersetzungen versus ewig junge „Originale“ auf angeblich alternde Übersetzungen ein. Sie bezieht sich dabei zunächst auf ein Zitat von Michi Strausfeld im Deutschlandfunk, bei dem Strausfeld auf die Frage, wie sie die Übersetzungen von Curt Meyer-Clason aus heutiger Sicht beurteil, folgendes anführt:

Strausfeld: Das Problem von vielen Übersetzungen ist, dass sie altern. Während die Originale nicht altern, altern viele Übersetzungen. Das gilt sicherlich für einige der Übersetzungen von Curt Meyer-Clason.

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