Übersetzung in der ausgrenzenden Sprache

In diesem Jahr 2021 ging der Cervantes-Preis an Cristina Peri Rossi, Schriftstellerin aus Uruguay. In einem Text mit dem Titel „La lengua excluyente“ wird eine sprachliche Feinheit aus der spanischen Grammatik angesprochen, die in der aktuellen Debatte um die geschlechtergerechte Sprache (span. lenguaje inclusivo) leicht untergehen kann. Der folgende kurze Textausschnitt zeigt die Hürden bei der Übersetzung, einen möglichen Ausweg und gleichzeitig die Vielfalt der spanischen Sprache.

Das Wort ‚hombre‘ im Spanischen bedeutet sowohl Mann als auch Mensch. Demnach ist der Satz „Todos los hombres son mortales“ wohl zunächst als „Alle Menschen sind sterblich“ zu übersetzen. Aber dann macht der weitere Verlauf des Gesprächs keinen Sinn mehr. Wenn man ihn aber mit „Alle Männer sind sterblich“ übersetzt, macht es ebenfalls keinen Sinn. Man müsste sich also bei der Übersetzung aushelfen, indem man dem Mädchen ein Missverständnis unterstellt (‚Menschen‘ versus ‚Männer‘). Dies geht aber an dem eigentlichen Sinn des Textes vorbei und fügt ihm einen neuen Sinn hinzu, der wohl so von der Autorin nicht beabsichtigt ist. Die Virtuosität des spanischen Originals geht in der Übersetzung hier also verloren.

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Der Fall Colonia Dignidad

Bild: transcript Verlag

Jan Stehle hat sich in seiner Dissertation am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin mit dem Fall Colonia Dignidad beschäftigt, um den Umgang bundesdeutscher Außenpolitik und Justiz mit Menschenrechtsverletzungen in den Jahren 1961-2020 in Chile zu untersuchen. Dabei wollte er auch dem Gerücht nachgehen, Bundesbehörden hätten die Verbrechen der Colonia Dignidad gedeckt. Die von der Rettig-Kommission, einer von der ersten demokratisch gewählten Regierung nach der Diktatur in Chile eingesetzte Wahrheits- und Versöhnungskommission, festgestellten Verbindungen der Colonia Dignidad mit Diktaturverbrechen wurden nicht strafrechtlich untersucht oder gar verfolgt. Chilenische Menschenrechtsaktivisten, aber auch progressive chilenische Medien erklärten dies mit der Existenz nicht näher beschriebener Unterstützungsnetzwerke der Colonia Dignidad. Aber auch von Seiten der bundesdeutschen Diplomatie erhalte die Colonia Dignidad Schutz. Insgesamt, so seine Wahrnehmung, sei die Colonia Dignidad eine Art Staat im Staate, für den die Regeln der chilenischen Politik und Justiz nicht gelten, was auch von der Bundesregierung gedeckt werde. Stehle wurde von chilenischen Gesprächspartnern regelmäßig gefragt, wie er sich als deutscher Staatsbürger dies erklären könne, was seine Motivation verstärkte, Antworten auf diese Frage zu suchen.

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Caral: älteste Zivilisation Amerikas?

Bild: www.zonacaral.gob.pe

Die Caral-Zivilisation entstand in der nördlichen Zentral-Region Perus, noch vor allen anderen Regionen in den Anden und auf dem amerikanischen Kontinent. Die Entwicklung der Bevölkerung in diesem Gebiet geschah im Vergleich zu anderen, die den Kontinent bewohnten, schon sehr früh. Das Alter dieser Zivilisation ist mit dem der ältesten zivilisatorischen Zentren der Alten Welt vergleichbar: Als in Ägypten die antike Pyramide von Sakara gebaut wurde oder später die Pyramiden von Cheops, Chephren und Mykerinos im Tal von Gizeh; oder als die sumerischen Städte in Mesopotamien besetzt wurden, oder die Märkte in Indien wuchsen. Zu dieser Zeit, zwischen 3000 und 2500 v. Chr., wurden die Pyramidenbauten von Caral bereits bewohnt und umgestaltet, und auf ihren Plätzen fanden regelmäßig Versammlungen zu wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Zwecken statt. Doch während die Zivilisationen des alten Kontinents untereinander Waren, Wissen und Erfahrungen austauschten, sind die Gesellschaften von Caral und des nördlichen Zentral-Gebiets in ein zivilisatorischen Stadium aufgestiegen, auch wenn die anderen Bevölkerungen Perus und Amerikas auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe stehen blieben.

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Der Mann aus Rupak Tanta

In einem früheren Beitrag hatte ich bereits über das Buch „Der Mann aus Rupak Tanta“ von Melacio Castro Mendoza berichtet. Es ist die fabelhafte Geschichte eines Mannes aus den peruanischen Anden, die in einem deutschen Park angesiedelt ist, dem Stadtgarten von Essen in Nordrhein-Westfalen. Melacio Castro Mendoza, Schriftsteller aus Peru, rekonstruiert auf über 250 Seiten die Welten der Andenkosmogonie in einer Bergbauregion, dem Ruhrgebiet.
Pureq Kañiwa, der Protagonist des Romans, schildert darin den Weg, den er auf einer Reise durch sieben Türen unternommen hat. Jede der Türen ist voller gefährlicher Abenteuer und Verzauberungen, die uns durch unvergessliche Träume und Alpträume führen. Gleichzeitig ist der Roman eine politische Parabel über Liebe und Gerechtigkeit. Der hoch literarische Stil von Castro Mendoza macht diesen Roman zu einem sehr lesenswerten Erlebnis.

Jetzt ist der Roman erstmals als Übersetzung in deutscher Sprache erschienen und kann direkt bei ePubli bestellt werden.

Cervantes-Preis 2021 für Cristina Peri Rossi

Bild: Cristina Peri Rossi

Die Jury des wichtigsten spanischsprachigen Literaturpreises, des „Miguel de Cervantes“, hat den Preis für 2021 an die uruguayische Schriftstellerin Cristina Peri Rossi vergeben. Der Preis ist mit 125.000 Euro dotiert. Die Jury begründete ihre Entscheidung damit, dass Peri Rossi während ihrer gesamten Laufbahn „eine der großen literarischen Berufungen unserer Zeit in einer Vielzahl von Genres und ihr ständiges Engagement für zeitgenössische Themen wie die Stellung der Frau und die Sexualität“ ausgeübt hat.

Peri Rossi widmet sich seit mehr als 50 Jahren der Literatur. Sie wurde am 12. November 1941 in Uruguay geboren und lebt seit 1970 in Barcelona, wohin es sie auf der Flucht vor den südamerikanischen Diktaturen jener Zeit verschlug. In ihrer langen Laufbahn hat sie alle Arten von Genres gepflegt: Lyrik, Essays, Journalismus und Literatur. Ihr Debüt gab sie mit Viviendo, einem 1963 veröffentlichten Band mit Kurzerzählungen. Später, 1968, erschien Los museos abandonados, gefolgt von El libro de mis primos. Julio Cortázar sagte in den 1960er Jahren über Peri Rossi, sie sei „die große Erneuerin der Kurzerzählung“. Ihre Themen sind Liebe, Herzschmerz, Erinnerung und Vergessen, Sex, Lust und Angst.

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Schreiben zur Unterstützung des Kubanischen Volkes

Der Nobelpreisträger für Literatur aus dem Jahr 2010, Mario Vargas Llosa, gehört zu den Unterzeichnern eines Schreibens zur Unterstützung des Bürgermarsches vom 15. November 2021 in Kuba (15N), der am 9. November von der Internationalen Freiheitsstiftung (Fundación Internacional para la Libertad), die von dem peruanischen Schriftsteller gegründet wurde, veröffentlicht wurde. In dem Schreiben heißt es, dass das kubanische Volk seit Jahrzehnten unter der gigantischen Unterdrückung durch die am längsten andauernde Diktatur in der Geschichte Lateinamerikas leidet und der elementarsten Menschenrechte beraubt wird. Demnach haben die Kubaner seit 1952 nicht mehr an freien Wahlen teilgenommen, und mehrere Generationen wurden wegen der Ausübung des Journalismus und der freien Meinungsäußerung, ebenso wie alle Arten von Menschenrechtsaktivisten auf der Insel, verfolgt. Allerdings hat das kubanische Volk am 11. Juli diesen Jahres (11J) einen Schrei nach Freiheit und Demokratie ausgestoßen und damit der internationalen Gemeinschaft gezeigt, dass die Kubaner im Kampf für die Eroberung ihrer Rechte und den Aufbau einer Demokratie endlich aufstehen. Es ist das kubanische Volk, das, wie einst José Martí, eine Republik mit allen und zum Wohle aller fordert.

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Honoré de Balzac: Cäsar Birotteau

Histoire de la grandeur et de la décadence de César Birotteau oder einfach nur César Birotteau ist ein Roman von Honoré de Balzac aus dem Jahr 1837 und gehört zu den Scènes de la vie parisienne in der Reihe La Comédie humaine. Die Hauptfigur ist ein Pariser Parfümeur, dessen Prototyp der legendäre Parfümeur Jean Vincent Bully ist, der in der Kosmetikbranche erfolgreich ist, aber aufgrund von Immobilienspekulationen bankrott geht.

Cäsar war ein miserabler Beobachter, dennoch erriet er in seiner väterlichen Zärtlichkeit den Wirrwarr der Gefühle, der im Herzen seiner Tochter entstand und sich dadurch offenbarte, daß es auf ihrer Stirn und auf ihren Wangen gleich roten Rosen zu glühen begann, während sie die leuchtenden Augen niederschlug. Nun glaubte er, Cäsarine und Popinot hätten sich bereits ausgesprochen. Darin irrte er sich jedoch; die beiden Kinder verstanden einander, wie alle heimlich Liebenden, ohne sich je ein Wort gesagt zu haben.

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Malva, Tochter von Pablo Neruda

Bild: Amazon

Malva, die Tochter, die von Pablo Neruda verlassen wurde, weil ihr angeborener Wasserkopf ein Hindernis für die Entwicklung seiner Poesie und seiner politischen Ideen darstellte, erzählt Hagar Peeters – aus dem Jenseits – wie die Krankheit ihr das Leben und die Liebe ihres Vaters nahm, von dem sie immer noch auf seine Anerkennung wartet. Aus diesem einseitigen Gespräch entsteht ein großartiger und poetisch aufgeladener Roman. Hagar Perters’ Roman ist schockierend, weil er in der Lage ist, in einer tiefen und eindringlichen Schönheit zu erzählen, mit Hilfe einer Stimme, die den Geist des Mädchens repräsentiert, als sie im Alter von acht Jahren stirbt und versteht, was mit ihrem Leben geschehen ist, und beginnt, die Liebe zu suchen, die sie nie hatte.

Malva Marina wurde 1934 in Madrid geboren. Sie litt an einem Hydrozephalus, und während Federico García Lorca ihr seine “Versos en el nacimiento de Malva Marina” anbietet, schreibt ihr Vater, der Namensgeber, in einem Brief: „Meine Tochter, oder wie ich sie nenne, ist ein vollkommen lächerliches Wesen, eine Art Semikolon“. Sie war die einzige eheliche Tochter von Pablo Neruda, die aus seiner Verbindung mit María Hagenaar Vogelzang, alias Maruca, hervorging. Im Jahr 1936, bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs, nimmt der Dichter Abschied von María und dem Mädchen, das er nicht lieben konnte. Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, dass er sie jemals wiedergesehen hat. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits eine Beziehung mit seiner zweiten Frau Delia del Carril begonnen.

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Gewinnertitel des Selfpublisher-Buchpreises 2021

Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse und dem Bookfest City wurde der Selfpublishing-Buchpreis 2021 in der Eventlocation Romanfabrik in den drei Hauptkategorien Belletristik, Kinder- und Jugendbuch sowie Sachbuch/Ratgeber und in der Sonderkategorie Lyrik verliehen. Der begehrte Buchpreis ist mit über 24.000 € dotiert und setzt sich aus einem attraktiven Preisgeld und einem lukrativen Marketingpaket zusammen. Insgesamt sind 1.138 Bücher eingereicht worden – vier Titel haben es geschafft, den „Selbie“ der jeweiligen Kategorie mit nach Hause zu nehmen.

In der Kategorie Belletristik konnte Susanne Pavlovic mit ihrem Titel „Ganz dringend ans Meer“ überzeugen. Der mystische Jugendroman „Aus Asche & Nacht“ von Sabrina Milazzo gewinnt in der Kategorie Kinder- und Jugendbuch. Reiseblogger Mirko Seebeck räumt mit seinem alternativen Reiseführer „Breslau (Wroclaw) – Ein alternativer Reiseführer – 100 außergewöhnliche Orte, die man nicht verpassen sollte“ in der Kategorie Sachbuch/Ratgeber den gefragten „Selbie“ ab. Und zum ersten Mal wurde auch in der Sonderkategorie Lyrik ein Selbie vergeben, den Martin Ebner, Renate Fuchs und Ralf Wolf für ihr Gemeinschaftswerk „Neunzehn Gedichte – Zeitgenössische Lyrik“ mit nach Hause nehmen durften.

Die Preisverleihung wurde von Vera Nentwich moderiert und für Daheimgebliebene live gestreamt. Die Aufzeichnung ist online auf dem YouTube Kanal des Veranstalters, dem Selfpublisher-Verband, einsehbar.

Der Stolz der Mexica

Bildquelle: faz.net

Zwei Jahrzehnte nach dem Untergang ihres Reiches im Jahr 1521 fertigten aztekische Autoren für den spanischen König ein prächtiges Buch über ihr Staatswesen an. Viele der Bilder aus dem Codex Mendoza sind berühmt, etwa das erste, das die Gründung Tenochtitlans im Jahr 1324 zum Thema hat: Ein Adler auf einem über einem Stein wachsenden Feigenkaktus zeigt einer Gruppe aztekischer Würdenträger den Ort ihrer neuen Heimat. Gerne reproduziert werden auch Bilder aus dem dritten Teil des Codex, der Einblicke in das Alltagsleben der Azteken vor der Eroberung durch die Spanier gewährt.

Weniger bekannt sind dagegen die spanischen Texte zu diesen Bildern, die fast nur die vorspanische Welt der Azteken zum Gegenstand haben. Seit dieser Woche kann sich jeder in dieses eigentümliche Gegenüber vertiefen, wie Ulf von Rauchhaupt in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Nr. 38 vom 26.09.2021 berichtet. Denn nun erschien eine prachtvolle Ausgabe des Codex Mendoza, für die der Berliner Historiker Stefan Rinke sämtliche spanischen Texte und Anmerkungen übersetzt und mit Fachkollegen eingehend die Hintergründe des Codex erläutert hat.

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