Und dennoch blieb die Erinnerung…

50 Jahre nach dem Militärputsch in Argentinien vom 24. März 1976 ist der Nationale Gedenktag für Wahrheit und Gerechtigkeit nicht nur ein Datum im Kalender, sondern eine notwendige Unterbrechung der Gegenwart. Ein Aufruf, sich daran zu erinnern, dass das Geschehene nicht nur der Vergangenheit angehört, sondern in den Fragen, die auch heute noch gestellt werden, weiterlebt. Der Staatsterrorismus in Argentinien hat nicht nur die Demokratie zerstört: Er versuchte, Leben, Namen und Geschichten auszulöschen: Durch Entführungen, geheime Haftanstalten, Folter, Verschleppungen, Wegnahme von Kindern, Exil. Aber es gab noch etwas Tieferes: einen systematischen Versuch, Verbindungen zu zerreißen, das Gedächtnis zu zerstören, Schweigen aufzuzwingen. Die Erinnerung daran lebt weiter in denen, die suchten, in denen, die anzeigten, in denen, die schrieben, in denen, die Briefe, Fotos und Lebensfetzen als Beweis dafür aufbewahrten, dass diese verschwundenen Menschen existiert haben. Sie lebte weiter in der Entscheidung – individuell und kollektiv –, das Vergessen nicht als Schicksal hinzunehmen.

Erinnern ist also weder eine rituelle Geste noch eine automatische Wiederholung. Es ist eine ethische und politische Verantwortung. Es bedeutet, uns zu fragen, was wir heute mit dieser Geschichte tun, wie wir sie weitergeben, wie wir sie gegen neue Formen des Leugnens, der Gleichgültigkeit oder der Relativierung verteidigen.

Ein halbes Jahrhundert nach diesem Bruch ist die Erinnerung in Argentinien nach wie vor ein umkämpftes Feld. Sie ist weder abgeschlossen noch gesichert: Sie wird konstruiert, gepflegt, aktiviert. Und in diesem Prozess nimmt das Lesen einen grundlegenden Platz ein. Denn es gibt Bücher, die nicht nur erzählen, was geschehen ist, sondern Fragen aufwerfen, unbequem machen, das bewahren, was nicht vergessen werden darf. Denn Erinnerung ist nicht nur Vergangenheit: Sie ist eine Aufgabe der Gegenwart.

Bild: LOM Chile

Francesca Lessa y Sebastián Santana werfen genau diese Fragen in Plan Cóndor: Viejos secretos y nuevos hallazgos auf. Wie viel weiß man über den Plan Cóndor? Im November 2025 jährte sich zum 50. Mal das Gründungsmeeting des Plan Cóndor, das vom 25. bis 28. November 1975 in Santiago de Chile stattfand. Es handelte sich dabei um eine repressive Koordinierung zwischen den zivil-militärischen Diktaturen, die in den 1960er und 1970er Jahren in ganz Südamerika die Macht an sich gerissen hatten, was die Verfolgung, Gefangennahme, Folter und den Tod vieler sozialer Aktivisten jener Zeit bedeutete.

Das Buch „Plan Cóndor: Alte Geheimnisse und neue Erkenntnisse“ ist eine Gemeinschaftsarbeit der italienischen Wissenschaftlerin Francesca Lessa und des argentinisch-uruguayischen Künstlers Sebastián Santana Camargo. Es ordnet, systematisiert und präsentiert für ein breites Publikum die Hintergründe, die Entstehung, die Tragweite und die Folgen der Umsetzung des unheilvollen Plan Cóndor durch die Diktaturen des Cono Sur. Es werden sowohl die historischen und politischen Ursprünge dieser Zusammenarbeit als auch die wichtigsten Funktionsmechanismen, symbolträchtige Fälle chilenischer, argentinischer und uruguayischer Opfer sowie die unermüdliche Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit beleuchtet, die von den Angehörigen der Opfer, den Menschenrechtsanwälten und den Organisationen und Vereinigungen von Angehörigen und Menschenrechtsaktivisten vorangetrieben wird.

In Zeiten von Fake News und Desinformation verbindet dieses Buch interdisziplinäre akademische Forschung mit den Mitteln der Kunst, um verifizierte und zuverlässige Informationen auf zugänglichere Weise einem neuen Publikum zugänglich zu machen, das sich sonst nicht mit einem so komplexen Thema befassen würde.