Ungelöste Rätsel rund um den Tod von Pier Paolo Pasolini

Bild: MUBI

Anfang November 1975 befand sich Pier Paolo Pasolini auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Es waren turbulente Zeiten in Italien, das gerade die „bleiernen Jahre“ durchlebte (die bleiernen Jahre, italienisch anni di piombo, bezeichnen einen historischen Zeitraum zwischen Ende der 1960er und Anfang der 1980er Jahre, in dem es zu einer Radikalisierung der politischen Debatte kam, die zu Straßengewalt, bewaffneten Kämpfen und Terrorismus führte). Eine Zeit extremer sozialer Unruhen, massiver Streiks, einer Wirtschaftskrise, die der Ölkrise von 1973 folgte, und einer politischen Polarisierung, bei der auch vor Gewalt nicht zurückgeschreckt wurde, was sich vor allem in den Aktionen der Roten Brigaden und der rechtsextremen paramilitärischen Gruppen zeigte. Die Italiener standen noch unter dem Schock des „Massakers von Circeo“, das im September desselben Jahres von einer Gruppe junger Neofaschisten verübt worden war, die zwei Mädchen aus der Arbeiterklasse entführten, folterten und in die Luft sprengten. Zu jener Zeit gewährte der Regisseur von „Teorema“ einem Journalisten der Tageszeitung La Stampa ein langes Interview, in dem er über seine revolutionären Träume sprach, aber auch einen Satz äußerte, der bald als prophetisch gedeutet werden sollte: „Ich steige in die Hölle hinab und weiß Dinge, die den Frieden anderer nicht stören. Aber gebt acht: Die Hölle steigt zu euch hinauf, und der Drang und das Bedürfnis, jemanden zu verprügeln, anzugreifen und zu töten, ist stark und weit verbreitet“.

Das Interview wurde am Sonntag, dem 2. November 1975 veröffentlicht, geriet jedoch sofort aufgrund einer schrecklichen Nachricht, in der Pasolini ebenfalls die Hauptrolle spielte, in den Hintergrund. In den frühen Morgenstunden wurde seine Leiche auf einem Brachgelände in der Nähe des Hafens von Ostia gefunden. Er war auf brutale Weise ermordet worden: Sein Gesicht war entstellt, er wies zahlreiche Knochenbrüche auf und seine Hoden waren durch Schläge zertrümmert. Der Körper war teilweise verbrannt, da man ihn nach dem Mord mit Benzin übergossen und in Brand gesetzt hatte.

Als Schriftsteller, Filmregisseur, Essayist und Philosoph galt Pier Paolo Pasolini im Alter von 53 Jahren zu Recht als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der italienischen Kultur und der Welt der Intellektuellen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und nicht nur das: Seine doppelte Identität als Katholik und Marxist, seine offen gelebte Homosexualität und seine provokativen Standpunkte hatten ihn zudem zu einem Symbol des Kampfes gegen das System gemacht. Gleichzeitig war er eine kulturelle Ikone und die Verkörperung des Skandals. Mit seinem Tod hinterließ der Regisseur von Kultfilmen wie „Das 1. Evangelium – Matthäus“ (Il vangelo secondo Matteo, 1964), „Edipo Re – Bett der Gewalt (Edipo Re, 1967)“, „Dekameron“ (Il Decameron, 1971, und „Die 120 Tage von Sodom“ (Salò o le 120 giornate di Sodoma, 1975) sowie von Romanen wie Una vita violenta (1959, auf Deutsch: Vita Violenta, übersetzt von Gur Bland, Piper, München 1963.) und Ragazzi di vita (1955,  auf Deutsch: Ragazzi di vita, übersetzt von Moshe Kahn, Wagenbach, Berlin 1990) ein unschätzbares kulturelles Erbe, aber auch ein Rätsel: das seines Mordes, seiner Täter und ihrer Motive, nach dessen Antworten er jahrzehntelang suchte, ohne sie jemals ganz zu finden.

Nach ersten Polizeiberichten wurde der Fall schnell aufgeklärt, innerhalb weniger Stunden, als Giuseppe „Pino“ Pelosi, ein 17-jähriger Stricher, von den Carabinieri festgenommen wurde, während er Pasolinis Alfa Romeo fuhr. Bei der Vernehmung gab er zunächst an, das Auto gestohlen zu haben, doch zwei Stunden später, als die Leiche entdeckt wurde, gestand er auch das Verbrechen. Er versicherte, es sei Notwehr gewesen, Pasolini habe ihn zu unnatürlichem Sex zwingen wollen und er habe sich gewehrt. Daraufhin habe der Regisseur von „Teorema“ ihn angegriffen, woraufhin er zurückgeschlagen und ihn bei seiner Flucht mit dem Auto überfahren habe. Die Polizei stufte den Mord als „Verbrechen aus Leidenschaft“ ein und griff damit den journalistischen Jargon jener Zeit auf.

Pelosis Geständnis schien zu den Gerüchten zu passen, die über Pasolinis Angewohnheiten kursierten. Es war bekannt, dass er die Gewohnheit hatte, sich mit sehr jungen Männern, die sich prostituierten, zu verabreden, oder diese direkt von der Straße mitzunehmen. Daher überraschte es nicht, dass der Stricher berichtete, er habe mit dem Filmemacher verabredet, gemeinsam im Restaurant „Biondo Tevere“ in der Nähe der Basilika Sankt Paul vor den Mauern zu Abend zu essen. Er erzählte, dass sie Spaghetti gegessen hätten, zu denen Pasolini Bier getrunken habe, und dass sie das Lokal gegen 23.30 Uhr verlassen hätten, um an einen abgelegenen Ort in der Nähe des Hafens von Ostia (Lungomare Duilio, bei Rom) zu fahren, um „ein bisschen miteinander zu spielen“. Eine Dienstleistung, für die ihm der Filmregisseur 20.000 Lire als Bezahlung angeboten habe. Pelosi erzählte weiter, dass alles gut gelaufen sei, bis sie an einem Ort in Meeresnähe ankamen, wo Pasolini seinen Alfa Romeo anhielt und ihm vorschlug, gleich dort Sex zu haben. Das war zwar so vereinbart gewesen, doch – immer noch gemäß dieser ersten Schilderung – geriet die Situation außer Kontrolle, weil der Mann bei der Tat einen Pflanzstock verwenden wollte. Es blieb unklar, ob Pino ihn damit anal vergewaltigen sollte oder umgekehrt. Pelosi weigerte sich und stieg aus dem Auto. Daraufhin stieg der Regisseur ebenfalls aus und verfolgte ihn, wobei er den Stock schwang und begann, auf ihn einzuschlagen. Pelosi zufolge gelang es ihm während des Angriffs, sich einen Knüppel zu schnappen, um sich zu verteidigen, wobei er dabei seinen Angreifer schließlich „in Notwehr“ zu Fall brachte. Anschließend sei er zum Auto gerannt, um zu fliehen, und habe dabei unbeabsichtigt Pasolini überfahren. In seiner Verzweiflung sei er mit den Reifen über ihn hinweggefahren.

Der Stricher konnte nie genau darlegen, woher er den Knüppel hatte, noch den Kampf schlüssig schildern, geschweige denn erklären, warum Pasolinis Leiche teilweise verbrannt war. Dennoch verurteilte das Kassationsgericht Pelosi auf der Grundlage dieses Geständnisses und ohne jegliche weiteren Beweise wegen „Mordes in Mittäterschaft“ zu neuneinhalb Jahren Haft, ohne dabei anzugeben, wer die Mittäter waren. Eine relativ kurze Strafe, die darauf zurückzuführen war, dass der Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat noch minderjährig war. Die Sache war abgeschlossen.

Es gab jedoch viele Ungereimtheiten: Niemand konnte sich erklären, wie dieser schmächtige junge Mann den athletischen Pasolini hätte töten können, und es war schwer zu glauben, dass er allein gehandelt hatte. Außerdem wies Pino bei seiner Festnahme fast keine Blutflecken auf seiner Kleidung auf, was nicht mit der Brutalität des Mordes vereinbar war, und es gelang auch nicht, den Besitzer eines Pullovers zu identifizieren, der weder dem Opfer noch dem geständigen Täter gehörte, der aber im Auto gefunden worden war. Weder während der polizeilichen Ermittlungen noch während des Prozesses wurde berücksichtigt, dass Pasolini kurz davor stand, ein neues Buch zu veröffentlichen, in dem er, wie er versprach, eine skandalöse Verstrickung von Geschäften und Tod in den höchsten Kreisen der wirtschaftlichen und politischen Macht des Landes aufdecken würde. Weshalb es wahrscheinlich war, dass es viele Mächtige gab, denen ein Interesse daran lag, ihn zum Schweigen zu bringen.

Zu den ersten Personen, die an der offiziellen Darstellung zweifelten, gehörte die Journalistin Oriana Fallaci, für die das Geständnis von Pelosi, die Ermittlungen und das Gerichtsverfahren eine weitaus dunklere und komplexere Verschwörung verschleierten als die eines einfachen „Verbrechens aus Leidenschaft“, wie es weiterhin bezeichnet wurde. In einer Kolumne der Zeitung L’Europeo schrieb sie, dass sie nach eingehender Recherche zu dem Schluss gekommen sei, dass der Mord geplant gewesen und das Werk von drei oder mehr Personen gewesen sei, die im Auftrag noch höhergestellter Personen gehandelt hätten. Die Ansicht von Falacci kam weder in der Regierung des christdemokratischen Aldo Moro noch bei der Justiz, die den Fall bereits als abgeschlossen betrachtet hatte, gut an. Die Theorie des „Verbrechens aus Leidenschaft“ bewahrte die Machthaber vor jeglichem Skandal und passte zudem zu einem der von der katholischen italienischen Gesellschaft am meisten kritisierten Aspekte von Pasolinis Persönlichkeit: seiner Gewohnheit, sehr junge Männer anzusprechen oder direkt von der Straße mitzunehmen, um homosexuelle Beziehungen mit ihnen zu pflegen.

Giuseppe „Pino“ Pelosi verbüßte seine Strafe und sprach nach seiner Entlassung erst 2005, drei Jahrzehnte nach dem Verbrechen, wieder über den Tod Pasolinis, als er dem Fernsehsender RAI 3 ein Interview gab. Dort erklärte er, aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen gegen seine Familie gelogen zu haben, und änderte seine Darstellung der Ereignisse in der Nacht des 2. November 1975 grundlegend. Er berichtete, dass er, nachdem er Oralsex mit Pasolini gehabt hatte, aus dem Auto gestiegen sei und sich einige Meter entfernt habe, um zu urinieren. Dieser neuen Darstellung zufolge tauchten genau in diesem Moment drei unbekannte Männer auf, „im Alter von 45 oder 46 Jahren, mit kalabrischem oder sizilianischem Akzent“, die begannen, sie zu beschimpfen und den Filmemacher zusammenschlugen, während sie ihm „Schwuchtel, dreckiger Kommunist“ zuriefen. Außerdem erklärte Pelosi, dass sein langes Schweigen darauf zurückzuführen sei, dass die Schläger ihm und seiner Familie mit dem Tod gedroht hätten, sollte er es wagen, das Geschehene preiszugeben, und dass er daher bei seinem ursprünglichen Geständnis gelogen habe. Er räumte aber ein, dass er über Pasolinis Leiche hinweggefahren sei, als er, von Angst getrieben, mit dem Auto des Filmemachers floh.

Nachdem sie das Interview gesehen hatten, forderte die Familie des Regisseurs von „Teorema“ die Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens, das durch die Aussage seines Freundes Sergio Citti ergänzt wurde, der bestätigte, dass Pasolini zu dem Treffen mit Pino gegangen sei, weil er wegen des Diebstahls einiger Filmrollen seines Films „Salo“ erpresst worden sei. In einer neuen gerichtlichen Aussage wurde Pelosi deutlich präziser: „Pasolini wurde von drei Personen ermordet. Sie schlugen ihn kaltblütig vor meinen Augen nieder. Es waren Römer. Zwei davon waren die Brüder Borsellino (Franco und Giuseppe). Er fiel einem bis ins Detail geplanten Hinterhalt zum Opfer. Sie überredeten ihn, unter dem Vorwand, über den Verkauf der vor einiger Zeit gestohlenen Filmrollen zu verhandeln, nach Ostia zu fahren. Er hatte das Geld bei sich, aber das war ein Vorwand, um ihm einen Hinterhalt zu stellen“, sagte er vor dem zuständigen Staatsanwalt. Auf gerichtliche Anordnung hin führte die italienische Kriminaltechnik mehrere Jahre lang neue Untersuchungen durch, konnte jedoch die im Auto gefundenen DNA-Spuren niemandem zuordnen, was dazu führte, dass der Fall 2015 erneut zu den Akten gelegt wurde. Pelosi starb kurz darauf im Alter von 59 Jahren und nahm einen Teil, wenn nicht sogar die gesamte Wahrheit mit ins Grab.

Die Vermutungen über die Existenz einer politischen Verschwörung zur Ermordung Pasolinis hatten bereits vor Pelosis Tod zugenommen. Es war bekannt, dass Pasolini beabsichtigte, in dem Buch, an dem er gerade schrieb – *Petróleo* –, den Namen des Täters des mutmaßlichen Mordes – getarnt als Unfall – an dem Industriellen Enrico Mattei, dem Präsidenten des italienischen Ölkonzerns Eni, zu enthüllen. Die Befürworter dieser Theorie vertreten die Ansicht, dass der Mord an Pasolini ein politisches Verbrechen war, das vertuscht werden sollte, indem man es als Streit zwischen Homosexuellen darstellte, um die Aufmerksamkeit von den wahren Tätern abzulenken.

Der Filmemacher Federico Bruno, der das Leben seines ermordeten Kollegen gründlich recherchierte, um einen Film über dessen Leben und Werk zu drehen, wurde zu einem der überzeugtesten Verfechter der Theorie des politischen Verbrechens. „Heute wird in Italien immer noch behauptet, es sei ein zufälliger Mord gewesen, aber im Rahmen des Verfahrens wurden keinerlei Ermittlungen durchgeführt. Es war eine regelrechte Verschwörung zwischen den Geheimdiensten, der Kirche und den Politikern. Es war ein Klima geschaffen worden, in dem Pasolini als gefährlicher Mann dargestellt wurde, welcher der italienischen Gesellschaft und der Demokratie schadete. Es ist absolut ungerecht, wie eine Persönlichkeit wie Pasolini aus dem Gedächtnis Italiens ausgelöscht wurde. Er war ein Zeitzeuge, der sich der Anprangerung von Armut, Korruption und Elend verschrieben hatte. Mit seinem Kino brach er auf einschneidende Weise mit den ästhetischen Konventionen seiner Zeit“, erklärte Bruno. Es war vergeblich. Im Oktober 2023 legte die italienische parlamentarische Antimafia-Kommission einen Bericht vor, in dem Pasolinis Tod als „ungelöster Mordfall“ bezeichnet wurde und erneut die Wiederaufnahme der Ermittlungen gefordert wurde, doch drei Jahre später hat sich die Staatsanwaltschaft Rom noch immer nicht zu diesem Antrag geäußert.

Der Mord an dem Regisseur von „Das 1. Evangelium – Matthäus“ wurde von der Journalistin Simona Zecchi eingehend untersucht, die in ihrem Buch Pasolini, masacre de un poeta die offizielle Version des Mordes in Frage stellt und auf eine Verschwörung mit mehreren Tätern hinweist, welche Verbindungen zu den höchsten Machtkreisen haben. Der Fall war zudem Anlass für eine umfangreiche Filmografie, darunter insbesondere der Film „Pasolini, un delitto italiano“ (1995) von Regisseur Marco Tullio Giordana, das Spielfilmprojekt „Pasolini“ unter der Regie von Abel Ferrara mit Willem Dafoe in der Hauptrolle sowie der Dokumentarfilm „La notte quando è morto Pasolini“ von Roberta Torre aus dem Jahr 2009, der ein Exklusivinterview mit Pino Pelosi enthält.