Maya-Zug: Traum oder Albtraum?

Die ungewöhnliche Kontroverse um den Maya-Zug endet natürlich nicht mit der Zustimmung, die er in der letzten Volksbefragung erhalten hat, sondern steht noch ganz am Anfang. Dieser Beitrag soll zu dieser Kontroverse beitragen, ausgehend von zwei Prämissen. Erstens, dass es notwendig ist, zwischen den Auswirkungen zu unterscheiden, die das Bauprojekt (1.525 km Schiene) verursachen wird, und denen, die es kurz-, mittel- und langfristig auf seine derzeitigen Bewohner ausüben wird. Das Eine sind die Auswirkungen, die durch den Bau eines Mobiltelefons, eines Autos oder eines Kernkraftwerks verursacht werden, das Andere sind diejenigen, die durch ihre individuelle und gemeinsame Nutzung ausgelöst werden. Zweitens werden seine Auswirkungen, wie bei jeder technologischen Innovation, vom Zusammenspiel der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kräfte abhängen, das durch diese Innovation ausgelöst wird. Es gibt keine Garantie dafür, dass die Eröffnung einer Eisenbahnstrecke automatisch Fortschritt und Wohlstand bringt, und gleichzeitig gibt es keine Hinweise darauf, dass sie zu einem Auslöser von Zerstörung oder Verschlechterung werden kann. Die Eröffnung neuer Kommunikationswege (für Autos, Eisenbahnen, Schiffe oder Flugzeuge) in abgelegenen oder isolierten Gebieten, die als Akt der Modernisierung oder des Fortschritts angesehen wird, prägt die Regionen entsprechend dem jeweiligen Kontext, der sich aus den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kräften in vollem Konflikt oder Widerspruch ergibt, in den sie eingebunden werden. Da der Ausbau der Maya-Zugstrecke auf bereits bestehenden Eisenbahnstrecken oder Straßen erfolgen soll, konzentriert sich dieser Beitrag auf die Auswirkungen, die dieses Projekt auf die gesamte Region haben würde.

In Mexiko wird ein Großteil der Diskussionen über den Maya-Zug aus der Befürchtung heraus geführt, dass dieses „Megaprojekt“ zu einem derjenigen werden könnte, die in den letzten zwei Jahrzehnten unzählige Regionen des Landes heimgesucht haben. Die letzte unabhängige Zählung umfasst 560 Konflikte und soziale und ökologische Widerstände im ganzen Land, die durch Megaprojekte verursacht werden: Bergbau, Energie, Wasser, Straßen, Tourismus, Forstwirtschaft, Biotechnologie und Stadtentwicklung. Die Frage, die sich unweigerlich stellt, ist: Wie kann eine Regierung, die sich als anti-neoliberal bezeichnet, die Realisierung von Megaprojekten garantieren, die nicht diejenigen nachahmen oder wiederholen, die die verschiedenen neoliberalen Regierungen gefördert haben?

Heute ist die Halbinsel Yucatan ein gigantisches Szenario, in dem sich ein blutiger Kampf zwischen Tradition und Moderne, zwischen lokalen Widerständen und globalen Kräften, zwischen biokulturellem Gedächtnis und modernisierter Amnesie entwickelt, diesmal mit umgekehrten geopolitischen Spielern. Im Zentrum stehen die Widerstände, die auf einer tausendjährigen Verbindung zwischen Natur und Kultur beruhen, und in der Peripherie werden die Enklaven einer räuberischen Modernisierung implantiert und erweitert. Mérida, Cancún, Campeche und Chetumal bilden die urbanen Zentren, von denen aus „Fortschritt“ in Richtung der Gebiete strahlt, in denen eine Kultur fortbesteht, die dieses Gebiet seit 3.000 Jahren erfolgreich bewohnt und die heute eine Bevölkerung von 2,2 Millionen erreicht (INEGI 2015). Diese Bevölkerung repräsentiert 66% des Staates Yucatan und 44% von Campeche und Quintana Roo und macht die Halbinsel Yucatan zu einem Gebiet mit einer sehr hohen Bevölkerungsdichte. In den Teilen von Chiapas und Tabasco, die der Maya-Zug durchqueren wird, ist die einheimische Bevölkerung (Tzeltales, Choles und Chontales), ohne eine Mehrheit zu sein, ebenso signifikativ.

Die modernisierten Gebiete betreiben ihr Geschäft hauptsächlich in den Bereichen Tourismus, Gewerbe und Immobilien. Bisher verursachen diese Entwicklungen eine Verschlechterung und einen Verlust des biokulturellen Erbes und verändern Dschungel-, Meeres- und Küstenlandschaften erheblich, indem sie unterirdische Flüsse, Quellen, Cenoten, archäologische Stätten, Feuchtgebiete, diverse Dschungel und Küstendünen schädigen, um Hotels, Golfplätze, künstliche Lagunen, Themenparks, Gehwege und umfangreiche Wohnanlagen zu bauen. Bislang hat die Tourismusindustrie im Luxussegment, die von transnationalem Kapital regiert wird, keinen ausgewogenen und fairen Fortschritt erzielt, sondern eher das, was im Rest des Landes drei Jahrzehnte neoliberale Politik erreicht hat. Trotzdem gelingt es biokulturellen und geopolitischen Widerständen im Landesinneren immer noch, große Teile des Maya-Dschungels und etwa 3.000 archäologische Stätten zu erhalten. Der innere Teil der Halbinsel ist voll von Erfahrungen, die vom Gemeinwohl und der Zusammenarbeit geprägt sind, die sich aus den gemeinsamen Anstrengungen zahlreicher sozialer Akteure ergeben.

Ein genereller Überblick zeigt die über 50 Gummi produzierenden Genossenschaften, die von rund 3.000 Maya-Produzenten und ihren Familien gegründet wurden, die fast 50 landwirtschaftlichen Betriebe mit Gemeinschaftsreservaten von insgesamt 100.000 Hektar Wald, die Waldarbeiter des südlichen Quintana Roo, die seit Anfang der 80er Jahre eine Million Hektar bewirtschaftet haben, die 20.000 Imker, die in rund 170 Genossenschaften organisiert sind und Honig nach Europa und in andere Teile der Welt exportieren, und die unzähligen agrarökologischen Projekte auf den Maisfeldern der Maya. Dazu gehört auch das staatliche biokulturelle Reservat Puuc, das erste seiner Art in Mexiko, bestehend aus einer Initiative von fünf Maya-Gemeinden (Muna, Ticul, Santa Elena, Oxkutzcab und Tekax) mit einer Fläche von 136.000 Hektar, das in Zusammenarbeit mit der Landesregierung und mehreren Schutzorganisationen gegründet wurde. Zu diesem aus den umliegenden Dörfern hervorgegangenen Naturschutzgebiet kommen noch die 6 Biosphärenreservate, die der Bund in den letzten Jahrzehnten eingerichtet hat. Daneben gehören auch Initiativen wie das Netzwerk der privaten Reservate der Yucatan-Halbinsel und die zahlreichen Genossenschaften für handwerkliche Produkte, Lebensmittel oder alternativen Tourismus (wie die der Fundación Haciendas del Mundo Maya) dazu. Alle diese genannten Projekte sind Beispiele für eine ökologische, soziale und solidarische Wirtschaft, in der es Prozesse der kollektiven Akkumulation von Reichtum, in Modalitäten der angemessenen Aneignung lokaler Ressourcen gibt, die biologische und kulturelle Verteidigung beinhalten. Mit anderen Worten, sie stehen für alternative Projekte im Gegensatz zum dominanten neoliberalen Modell.

All das deutet darauf hin, dass, damit der Maya-Zug die Verwirklichung eines Traums und nicht zu einem neuen Alptraum wird, dieses Projekt begleitet werden muss, es also im Rahmen eines Plans für die gesamte Maya-Region eingeschrieben werden muss. Es ist daher erforderlich, dass parallel dazu ein gemeinsames Projekt für alternative Entwicklung, für eine „Modernität von unten“ und für alle gebaut wird. Dies impliziert die vorfomulierte Beteiligung von Bundes-, Landes- und Kommunalregierungen und von diesen mit Gemeinden, Dörfern und Städten. Der Maya-Zug kann dann nicht losgelöst von einem Plan Maya por la Vida konzipiert werden, der durch partizipative Planung, d.h. durch Konsultationen mit der ländlichen und städtischen Bevölkerung, entwickelt und umgesetzt werden muss. Ein Plan Maya por la Vida kann die strategische Rolle von Dutzenden von Forschern und Technikern nicht ignorieren, die mit ihren regionalen Institutionen direkt oder indirekt diese Prozesse des Widerstands und der Innovation unterstützt haben. Hier zeichnen sich das Colegio de la Frontera Sur (ECOSUR) mit Sitz in Chetumal und Campeche, die Universidad del Caribe und die Universidad Intercultural Maya de Quintana Roo sowie CINVESTAV, CICY und die Universidad Autónoma de Yucatán aus. Große Forschergruppen in Zusammenarbeit mit Naturschutzorganisationen (z.B. The Nature Conservancy, Pronatura México, Amigos de Sian Ka’an, Biocenosis, EDUCE, Bioasesors, etc.) haben ihr Wissen in so unterschiedliche Projekte wie Forstwirtschaft, Gummi- und Honigproduktion, Gemeinschaftsreservate, verbesserte Milpa, handwerkliche Netzwerke und andere eingebracht. Und vor allem haben sie das ökologische Wissen der Maya sichtbar gemacht.

Zusammenfassend lässt sich folgendes sagen: Damit der Maya-Zug die Verwirklichung eines Traums sein kann, muss dieses Projekt in den Kontext eines Plan Maya por la Vida für die gesamte Region gestellt werden. Dieser Plan, der von der neuen Regierung von Andrés Manuel López-Obrador (AMLO) geleitet werden sollte, muss diesen „zivilisatorischen Konflikt“ anerkennen, auf der richtigen Seite stehen und in Zusammenarbeit nicht nur mit den Maya-Völkern und -Organisationen, sondern auch den akademischen Zentren, ihren Forschern und Technikern, Naturschutzorganisationen sowie Sozial- und Privatunternehmen in der Region durchgeführt werden. Diese Strategie kann zu einem Modell für den Rest des Landes werden, insbesondere für Gebiete mit einer großen Präsenz indigener Völker. Der Plan Maya por la Vida wird dann als Kompass dienen, der die ökologischen und kulturellen Sozialwege des Maya-Zuges sowie seine Gestaltung und Bedeutung aufzeigt. So sollte er beispielsweise dazu beitragen, bestehende Projekte der Selbstverwaltung und der lokalen und kommunalen Zusammenarbeit zu stärken, auszubauen und zu vervielfachen. Er sollte einen kontrollierten, vielfältigen und alternativen Tourismus fördern, der auf den Möglichkeiten und Grenzen der einzelnen Regionen basiert. Kein Megaprojekt ist grundsätzlich neutral, sondern immer auch von Interessen und Widersprüchen geprägt. Bleibt also die Hoffnung auf eine Politik, die darauf abzielt, die Ambitionen einer Minderheit zu befriedigen, oder die sich für das Gemeinwohl einsetzt, da die Achtung vor den Kulturen und der Natur und die Wiederherstellung der Erinnerung der einzige Weg ist, mit Hoffnung in die Zukunft zu blicken. Auf diese Weise wird die Vierte Transformation des Landes Mexiko wirklich gelingen.

Quelle: Victor M. Toledo