500 Jahre indigener Widerstand

Bild: AMLO

Mexiko erinnert in diesem Jahr 2021 mit verschiedenen Gedenkfeiern an zwei wichtige Daten in seiner Geschichte: den Fall von Tenochtitlán am 13. August 1521 und den Einzug des Ejército Trigarante (Armee der drei Garantien, das erste Heer des unabhängigen Mexikos, welches aus der Vereinigung royaler und revolutionärer Truppenteile im Mexikanischen Unabhängigkeitskrieg hervorging und Vorläufer der heutigen Mexikanischen Armee ist) in Mexiko-Stadt am 27. September 1821. 500 Jahre nach der sogenannten Conquista (Eroberung) und 200 Jahre Independencia (Unabhängigkeit) markieren das Ende und zugleich den Beginn einer radikalen Veränderung für die großen Zivilisationen der ursprünglichen mesoamerikanischen Welt. Die erstaunliche Begegnung zweier Welten (vgl. Miguel León-Portilla) bedeutete auch einen tiefgreifenden Wandel mit Auswirkungen, die die Entdeckung eines neuen Kontinents auf den gesamten Planeten haben würde.

Eine dieser Gedenkfeiern wurde von dem mexikanische Präsidenten Andrés Manuel López Obrador (AMLO) am 13. August 2021 angeführt. An diesem Tag leitete der Präsident die Zeremonie „500 Jahre indigener Widerstand“ (“500 años de resistencia indígena”) zum Gedenken an den Fall von Mexiko-Tenochtitlán auf dem Zócalo in Mexiko-Stadt.

Obwohl bisher im historischen Diskurs die Idee einer „spanischen“ Eroberung reproduziert wurde, um sich auf den Sieg der spanischen Armee über das mexikanische Reich im Jahr 1521 zu beziehen, ist es inzwischen konsens unter den Historikern, dass die Eroberung, wenn es um die zahlenmäßige Überlegenheit geht, nur sehr wenig spanisch war. Die genaue Zahl der Männer, die Hernán Cortés zur Verfügung standen, variiert in den meisten Chroniken und Berichten, liegt aber immer zwischen 400 und 550: Francisco López Gómara spricht von 550 Männern, während Autoren wie Elliot, McEwan und López Lujan die Zahl auf 450 reduzieren; andere wie Bernal Díaz del Castillo beziffern sie auf 508 Soldaten und etwa hundert Seeleute. Nach Angaben von Bernand Grunberg bestand das Kontingent aus 11 Schiffen, 518 Infanteristen, 16 Reitern, 110 Matrosen und etwa 200 Indigenen aus Kuba sowie Afrikanern, die die spanischen Truppen unterstützten, insgesamt um die 850 Mann.

Unabhängig von diesen kleinen Unterschieden steht außer Frage, dass die Indigenen des mexikanischen Territoriums, allen voran die Tlaxcalteken, die sich den spanischen Truppen anschlossen, um gegen das Aztekenreich zu rebellieren, der spanischen Armee zahlenmäßig weit überlegen waren. Diese Tatsache ist nicht unbemerkt geblieben, und im Laufe der Zeit haben es sich immer mehr Historiker zur Aufgabe gemacht, Begriffe wie „Eroberung“, „Entdeckung“ und „Verwestlichung“ zu dekonstruieren und auf angemessenere Begriffe hinzuweisen. So war Miguel León-Portilla der erste, der den Ausdruck „Begegnung zweier Welten“ (“encuentro de dos mundos”) prägte, um die Verwendung des Wortes „Entdeckung“ (“descubrimiento”) in Bezug auf den 12. Oktober 1492 zu vermeiden. Andere Autoren, wie Carmen Bernand und Gruzinksi, haben darauf bestanden, die Verwestlichung nicht als Eroberung oder sofortige Beherrschung, sondern als Kampf zwischen zwei Welten zu verstehen.

Heute, 500 Jahre nach dem Fall von Mexiko-Tenochtitlán, drängt und verleitet das historische Gedächtnis dazu, den Begriff „spanische Eroberung“ im alltäglichen Sprachgebrauch zu überdenken und zu rekonstruieren. Da bietet sich vielleicht tatsächlich die für die Gedenkfeiern dieses Jahr benutzte Bezeichnung „500 Jahre indigener Widerstand“ an, um ein Umdenken im kollektiven Gedächtnis anzustoßen.