Haft- und Folterzentren als Erinnerungsorte

Bild: BUXUS Edition

Nora Kersting setzte sich intensiv mit der Geschichte Chiles auseinander, insbesondere mit der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet. Dabei wurden ihr die Unterschiede der chilenischen und deutschen Erinnerungskultur deutlich. Die chilenische ist weniger institutionell und stützt sich weniger auf eine klassische Musealisierung, sie ist umkämpft und fragmentiert.

Der Anstoß für das Buch Architektur als Zeugin. Fragilität und Erhaltung chilenischer Haft- und Folterzentren als Erinnerungsorte 1973 – 2024 war ein Straßenschild mit der Aufschrift „Villa Baviera“, das der Autorin klarmachte: „Die Geschichte des Films Colonia Dignidad, von dem ich nicht glauben konnte, dass er auf wahren Begebenheiten beruhte, spielte in dem Land, in dem ich mich befand. Bei der anschließenden Recherche stellte ich fest, dass es keinen öffentlichen Gedenkort gibt und das Gelände weitgehend als touristischer Komplex genutzt wird. Diese Diskrepanz bildete den Ausgangspunkt.“

Diese Arbeit untersucht die Transformation geheimer Haft- und Folteranstalten für politische Gefangene der chilenischen Militärdiktatur in Orte der Erinnerung sowie die Fragilität ihrer Erhaltung im Zeitraum von 1973 bis 2024. Während der Diktatur unter Augusto Pinochet wurde versucht, diese Orte geheim zu halten. Einige wurden zerstört, andere erst Jahre später als Folterstätten identifiziert. Heute sind lediglich 40 der insgesamt 1132 identifizierten Stätten als Denkmäler geschützt, viele davon befinden sich in einem Zustand des Verfalls. Anhand ausgewählter Fallstudien, darunter das Estadio Nacional, Villa Grimaldi, Isla Dawson und Colonia Dignidad, werden Erhaltungsstrategien und Herausforderungen untersucht, das architektonische Erbe als historisches Zeugnis zu bewahren – mit einem besonderen Fokus auf Lage, Nutzung und Materialität.

Erinnerung ist eng mit aktuellen politischen und sozialen Konflikten verbunden. Damit ist Chile Teil des globalen Kontexts, in dem autoritäre und geschichtsrelativierende Tendenzen an Einfluss gewinnen. Nachdem die letzte Regierung Präsident Borics einige Erfolge in der Erinnerungsarbeit verzeichnet, vertritt der im März 2026 gewählte Präsident José Antonio Kast geschichtsrevisionistische Positionen. Sein Erfolg zeigt, wie fragil das „Nunca más“ ist, wenn die Erinnerung an die Vergangenheit unter Druck gerät.

In diesem spannungsgeladenen Klima ist die Aufarbeitung zu einem Wettlauf gegen die Zeit geworden. Da die Zeitzeugen altern, rückt die Architektur als permanente Zeugin in den Fokus.