Digitales Erinnerungsarchiv in Chile

In Chile wurde das erste digitale Archiv zur nationalen historischen Erinnerung eröffnet. Künftig soll dieses Erinnerungsarchiv einen nationalen wie internationaler Bezugspunkt zum Thema Erinnerung und Menschenrechte darstellen und verfolgt vorrangig das Ziel, bereits vorhandene Kulturprojekte und Erinnerungsorte zu registrieren, zu systematisieren und einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Damit entsteht ein nationales Verzeichnis, um Gedenkstätten sichtbar zu machen und sie zu geolokalisieren. Eine Dokumentensammlung soll historische Erinnerung noch stärker bekannt machen und lebendig halten, damit sich Geschehnisse dieser Art niemals wieder ereignen. Dies kann die Erinnerung an die Opfer der Diktatur sichtbar machen, da diese Plattform es erlauben soll, die Wahrheit zu erfahren, die Arbeit von Menschenrechtsorganisationen kennenzulernen und Bildungsprogramme zu dieser Thematik zu entwickeln. Auch einschlägige Organisationen aus der Zivilgesellschaft werden sich mit ihren Aktivitäten und Netzwerken einbringen können, so dass das Archiv ständig aktualisiert und vervollständigt werden kann.

→ weiterlesen

Das Haus als Museum

Bild: „Mujeres Consciencia“
© Leonora Carrington

Im Oktober 2018 öffnete bereits das zweite Museum, welches der Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington in San Luis Potosí gewidmet ist. Das erste Museum befindet sich in der Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates von Mexiko. Nun öffnet auch das Haus der anglo-mexikanischen Künstlerin in Mexiko-Stadt seine Türen für die Öffentlichkeit, um als Museum einige ihrer Werke und persönlichen Gegenstände auszustellen. Der neu zu eröffnende Raum beherbergt Gegenstände des täglichen Lebens der Familie Weisz Carrington, die in diesem Haus in der Colonia Roma mehr als 60 Jahre lang lebte. Ausgestellt werden nach Auskunft von Alejandra Osorio, Kulturdirektorin der Universidad Autónoma Metropolitana (UAM) mehr als 8.600 Objekte. Pablo Weisz Carrington, der Sohn der Künstlerin, verkaufte das Haus an die UAM unter der Bedingung, dass es ein Museum werden würde. Im Gegenzug spendete er im Mai 2020 die Werke seiner Mutter im Wert von drei Millionen Dollar.

→ weiterlesen

Podcast über Frauen und Macht: „Weltbewegend“

Bild © rbbKultur

Der Podcast „Weltbewegend“ von und mit Franziska Walser fragt nach den Rahmenbedingungen für weibliche Macht weltweit. Darin stellt sie Biografien von Staatschefinnen, Politikerinnen und Führungsfrauen vor – darunter Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern, Finnlands Ministerpräsidentin Sanna Marin, EZB-Chefin Christine Lagarde oder Friedensnobelpreisträgerin und Myanmars Regierungschefin Aung San Suu Kyi. Mit Expertinnen diskutiert Franziska Walser Themen wie Female Leadership, Aufstieg und Scheitern, Vereinbarkeit des Berufs mit Familie, Schwesternschaft und Konkurrenz.

→ weiterlesen

Kolumbianische Schattenseiten

Erzählungen (1): Kolumbianische Schattenseiten

In den nächsten Wochen erscheinen hier vorab Ausschnitte aus den Erzählungen, die Ende des Jahres 2021 in einem Buch veröffentlicht werden sollen.

Carlos, ein junger Mann von 24 Jahren, war gebürtig aus Mocoa, der Hauptstadt des kolumbianischen Bezirks Putumayo, der im Süden an den Bezirk Cauca grenzt. Er stellte sich der Familie von Lupita als Kaufmann von Handelswaren aus Ecuador vor, womit er auch seine wiederholten Abwesenheiten, die sich über mehrere Wochen hinziehen konnten, erklärte.
An dem Tag des unerwarteten Wiedersehens mit seiner Braut in dem Vorort von Popayán kam er allerdings nie in dem Haus an, zu dem er Lupita zuvor per Telefon bestellt hatte. Stattdessen wurde sie dort von den drei Brüdern von Carlos empfangen, er selbst aber tauchte bis zum Abend nicht auf. Und er war es auch, den die bewaffneten Männer suchten, die in dieser Nacht in das Haus eindrangen, indem sie die Tür aufbrachen. Laut einem Bericht der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte, zwang das Überfallkommando Lupita mit ihrem kleinen Sohn David, sowie Jorge, einen der jüngeren Brüder von Carlos, aus dem Haus zu gehen. Sobald sie vor dem Haus waren, setzten sie alle drei mit vorgehaltener Waffe auf einen weißen Pritschenwagen und verschleppten sie noch in derselben Nacht an einen unbekannten Ort. Den beiden anderen Brüdern, die im Haus geblieben waren, hinterließen sie eine an Carlos adressierte Nachricht auf einem Stück Papier, welches sie deutlich sichtbar in der Küche an die Wand nagelten, und auf dem mit einfacher Handschrift geschrieben stand:
„Grüße von Lupita und David. Übergeben Sie das, was Sie haben, oder Sie werden die beiden nie mehr wiedersehen.“
Damit begann das bittere Weihnachtsfest für Maria, ihren Mann Ernesto und den Rest der Familie. Ihre Tochter Lupita, die jüngste von vier Geschwistern, und ihr 11 Monate alter Enkel tauchten in Popayán nirgends auf, und niemand hatte sie je wieder gesehen.

Fortsetzung folgt…

Schatten über Leni Riefenstahl

Im Prolog von Leni Riefenstahls Olympia-Film ’Fest der Völker‘ wird der Körper des Menschen als ein stählerner, wohlgeformter Adonis-gleicher Körper, dargestellt. Dabei bedient sich die Regisseurin einfacher Techniken, durch welche sie zum Beispiel aus den steinernen Skulpturen zu Anfang des Prologs lebendige Körper werden lässt, die sich, in Anlehnung an olympische Disziplinen, über die Leinwand bewegen. Neben einem Diskus-, Speerwerfer und einem Kugelstoßer kommen aber auch Frauen in das Blickfeld des Betrachters, welche wie die Männer mit nacktem Körper über die Leinwand tanzen. Aus dem tanzenden Reigen der Frauen entwickelt sich ein Feuer, welches sich in die Olympische Flamme verwandelt, die von Griechenland durch Europa nach Deutschland getragen wird. Dabei streift das Auge des Betrachters die Länder Griechenland, Bulgarien, Jugoslawien, Ungarn, Österreich und die Tschechoslowakei mit ihren Hauptstädten Athen (Akropolis), Sofia, Belgrad, Budapest, Wien und Prag, um schussendlich in Berlin im Olympia-Stadion anzukommen.

Das Bild des gestählten Körpers, welches Leni Riefenstahl nachzeichnet, kann im historischen Kontext als Bestätigung für das seelenlose Schönheitsideal der Nazi-Zeit betrachtet werden. Riefenstahl bildet nationalsozialistische Körper in der Idealform ab, welche von Hitler vor der Hitler-Jugend (HJ) einmal als „schlank und rank, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ beschrieben wurden. Aus dieser Äußerung Hitlers lässt sich klar erkennen, welche Bedeutung Hitler dieser Regisseurin beimaß und wie wichtig ihre Filme für seine Propaganda waren. Nicht nur die Premiere des NS-Propagandafilms ’Triumph des Willens‘, welche im März 1935 gefeiert wurde, belegen diese Beziehung zwischen Reichskanzler und Regisseurin und verdeutlichen diese Wichtigkeit.

→ weiterlesen

La última marinera

Melacio Castro Mendoza versammelt in La última marinera über fünfzig Kapitel in Form einer romanhaften, mythischen und nicht-fiktionalen Allegorie, in der Teile der Geschichte und der Anthropologie verwoben sind, denotativ ethnographisch mit ethnologischen und ethnozentrischen Nuancen, die sowohl den peruanischen als auch den internationalen Rassismus anprangern. Unter dem Impuls eines kämpferischen Geistes der individuellen und kollektiven Verwirklichung subsumiert der Autor den Übergang von der Dunkelheit der Rückständigkeit zum Licht des Fortschritts in Form eines Vergleichs – ein Kontext, in dem die modernen Fortschritte der Küste und des deutsch-europäischen städtischen Fortschritts miteinander verwoben sind und die Illusionen des ländlichen Gehöfts Amargura, einem fiktiven Ort, offenbaren. Um sein Ziel zu erreichen, nutzt Castro Mendoza eine mythisch-magische Kulisse, aufgeladen mit einer faszinierenden Oralität. Mit erzählerischer Plastizität durchläuft er verschiedene globale Szenarien, die eine angegriffene prähispanische, indigene, amazonische, schwarze und mestizische kulturelle Vielfalt zeigen, eingehüllt in einen durch die verheerendste chronische Korruption verherrlichten kreolischen Schwung. Dabei bezieht er den Tanz la marinera als Symbol der Fruchtbarkeit und Freude, die Arbeit als gemeinschaftlichen Wert für die Entwicklung der Wiedervereinigung der Seele mit der Natur, sowie die ethische Tapferkeit, noch bevor diese ein ideologisches Gut ist, als Grundlage des besten politischen Modells in jeder Zeit und an jedem Ort mit ein.

→ weiterlesen

Deportes: The Making of a Sporting Mexican Diaspora

Das Buch Deportes: The Making of a Sporting Mexican Diaspora umspannt die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und enthüllt die verborgenen Erfahrungen mexikanischer Sportlerinnen und Sportler, Mannschaften und Ligen sowie ihrer Unterstützer, die auf beiden Seiten der Grenze für mehr Gleichberechtigung kämpften. Trotz der weit verbreiteten Meinung, dass Mexikaner körperliche Betätigung, Teamwork oder „guten Sportsgeist“ mieden, bewiesen sie, dass sie in einer Vielzahl von Sportarten auf Amateur-, semiprofessionellem, olympischem und professionellem Niveau mithalten konnten. Einige machten sich sogar einen Namen in der Sportwelt, indem sie als „erste“ mexikanische Sportler die großen Ligen erreichten und olympische Medaillen oder Weltmeistertitel im Boxen und Tennis errangen.

→ weiterlesen

Ein völlig eigenständiges Begehren

Der erotische Roman Geschichte der O (fr. Originaltitel: Histoire d’O) von Anne Cécile Desclos, die ihn unter dem Pseudonym Pauline Réage veröffentlichte, erschien im Jahr 1954, übte auf die Entwicklung der erotischen Literatur großen Einfluss aus und ist wohl einer der bekanntesten  Romane der Welt mit sadomasochistischen Beschreibungen. Trotz der mangelnden Wirksamkeit von Techniken zur Gehirnwäsche sollte man über die in diesem Buch vorliegende Interpretation der Welt und den Wert dieser Sichtweise als physische und spirituelle Erfahrung nachdenken. Eine der Schlüsselszenen ist die Beschreibung, in der René seine Geliebte O, die erfolgreiche Pariser Modefotografin, zu Sir Stephen führt und sie im Namen ihrer Liebe zu René gehorcht, doch als sie mit Sir Stephen alleine ist, entdeckt sie, dass der Akt der Prostitution neben der Liebe ein völlig eigenständiges Begehren weckt, in dem nicht mehr René und der Gehorsam seinem Willen gegenüber präsent sind, sondern Sir Stephen und die Intensität der Empfindungen, die O durch ihre Scham und ihr Begehren in ihrem Körper spürt.

→ weiterlesen

Nekropolitik in Mexiko

Nach Foucault zeichnet sich die Moderne durch die Ersetzung des nekropolitischen Verständnisses der Souveränität durch die biopolitische Verwaltung der Bevölkerung aus. Allerdings ist die foucaultsche Idee der Biomacht als ein Gefüge aus Disziplinierungsmacht und Biopolitik laut Achilles Mbembe nicht ausreichend in der Lage, die modernen Formen der Unterwerfung zu erklären: Sie lässt den Fortbestand nekropolitischer Techniken innerhalb liberaler Demokratien außer Acht und unterschätzt die zentrale Bedeutung kolonialer Sklaverei als Bedingung der Möglichkeit für die Entwicklung des westlichen Kapitalismus. Die Macht der Souveränität tritt durch die Schaffung von Zonen des Todes in Kraft, in denen der Tod zur ultimativen Ausübung von Herrschaft und zur primären Form des Widerstands wird. Nekromacht ist zum Schlüsselkonzept für die Erkenntnis einer verallgemeinerten Instrumentalisierung des Lebens und der materiellen Zerstörung der Erde im globalen postkolonialen Zustand geworden.

Im Mandelbaum Verlag ist kürzlich ein Buch von Timo Dorsch erschienen, das genau diese Nekropolitik in Mexiko thematisiert. Im Kontext wuchernder Drogenkriege, wirtschaftlicher Gewalt auf der Grundlage einer Verschuldungspolitik, Rassismus, Sexismus, neokolonialer Besetzung, Masseneinsperrungen, ökologischer Ausbeutung, Einschränkungen des Rechts auf Migration und kultureller Zerstörung wirft Dorsch einen Blick auf den Neoliberalismus, den Staat und das organisierte Verbrechen in Mexiko. Als ein G20-Land und ­beliebtes internationales Reiseziel, das seit fast einem Jahrhundert über ein mehr oder weniger funktionierendes demokratisches Regierungssystem verfügt, stellt sich die Frage, ob bei einem Blick auf den Krieg gegen die Drogen, das Drogengeschäft auch heute noch der einzige Wirschaftszweig des organisierten Verbrechens ist. Mexiko muss sich die Frage gefallen lassen, wie überhaupt diese Gleichzeitigkeit zwischen staatlicher Demo­kratie, organisiertem Verbrechen und Gewalt möglich ist. In Nekropolitik geht Timo Dorsch diesem Phäno­men der scheinbaren Widersprüchlichkeit auf den Grund und unternimmt eine systematische Deutung der unzähligen Geographien der Gewalt, in denen die Nekropolitik vorherrscht.

Kurzerzählungen VII: Amelia – Die Nacht – Nach der Verabredung

In dem siebten und letzten Buch aus der Reihe Kurzerzählungen werden drei der cuentos von García Ponce vorgestellt, die diesmal nicht das von ihm bevorzugte und experimentelle Thema der Erotik als Auflehnung gegen das Normale beinhalten. Vielmehr geht es hier um Einsamkeit, Schuld und Selbstreflektion. García Ponce schreibt seine Kurzerzählungen in der Regel volkstümlich, ohne dabei zu sehr in die Folklore abzugleiten. Obwohl in der spanischen Rezeption vielfach die Erotik als das herausragende Merkmal seiner Kurzerzählungen gilt, lenkt diese Sichtweise sehr von dem eigentlichen historischen Wert dieses Autors für die mexikanische Literatur ab, der folgende Generationen auf unterschiedliche Weise nachhaltig geprägt hat.

Buch bei Amazon.