
Im Gegensatz zur politischen Gewalt des vergangenen Jahrhunderts hat die neue Gewalt in Teilen Lateinamerikas eine scheinbar unaufhaltsame Eigendynamik entwickelt und keine klar erkennbaren Schaltzentren, oft gar kein erkennbares Ziel. Sie ist expliziter und zugleich undurchschaubarer, lokaler und globaler: scheinbar kann jeder ihr Akteur oder Opfer sein, und die Grenzen zwischen dem Legalen und dem Illegalen, zwischen Staat und organisierter Kriminalität, verrechtlichtem und rechtlosem Leben scheinen zu verschwimmen.
Wie lassen sich die Beziehungen zwischen Ebenen und Orten dieser gewaltsamen Gegenwart denken – vom Körper bis zum Globalen, von Europa bis Lateinamerika? Wo und von wem wird Macht heute organisiert und ausgeübt? Welchen Zweck erfüllt die Gewalt, und wie lassen sich ihre globale Verstrickung entschlüsseln? „Gewalt [ist] nicht nur rassistisch, patriarchal oder klassenspezisch strukturiert […], sondern [bringt] die dahinterliegenden sozialen Konstruktionen und Kategorien beständig neu hervor[…]. Sie ist ein zunehmend zentrales Element der neoliberalen Subjektivierung und permanenten Eroberung, indem sie nicht nur Körper zerstört, sondern auch die Territorien, und diese dem direkten Zugriff des Kapitals preisgibt.“ (S. 13).






