Literaturnobelpreis 2019: Peter Handke

Peter Handke ist ohne Zweifel einer der produktivsten Autoren der Gegenwart und schon seit den späten 60. Jahren als Schriftsteller etabliert. Die Ehre, die ihm jetzt mit der Verleihung des Literaturnobelpreises zukommt, ist allerdings aus den verschiedensten Gründen teilweise auch umstritten. Darüber, womit er polarisiert, lässt sich gerade jetzt viel nachlesen, obwohl die Schwedische Akademie ihn eben deswegen ehrt, weil Handke „mit linguistischem Einfallsreichtum die Peripherie und die Spezifität der menschlichen Erfahrung erforscht hat“ (vgl. hierzu zum Beispiel den Artikel bei der Deutschen Welle).

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Reflexion über historische Ereignisse: Eroberung Mexikos

Der Kongress Pensar la Conquista. 500 años, der am 3. und 4. Oktober vom Museo Nacional de Arte ausgerichtet wurde, zielte darauf ab, einen Raum für akademische Reflexionen über die historischen Ereignisse rund um die so genannte Eroberung Mexikos zu schaffen. In seiner Keynote räumte Christian Duverger, der auf mesoamerikanische Zivilisationen spezialisiert ist, gleich zu Beginn ein, dass es schwierig sei, über Hernán Cortés aus heutiger Sicht zu sprechen, da nach seiner Auffassung die Geschichte eine Geschichte des absoluten Unverständnisses ist. Dies machte er an der Verknüpfung dreier historischer Eregnisse deutlich: Die berühmte „Leyenda negra“ kam 1823 aus den Vereinigten Staaten und steht im direkten Zusammenhang mit der „Declaración de Monroe“, was wiederum mit der Unabhängigkeit Mexikos zusammenfiel.

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Weibliches Genie und Rückgewinnung der Gefühle

Während ein Tumult junger Pariserinnen mit ihren BHs Scheiterhaufen machte, stellte die erst kürzlich aus Bulgarien mit einem kommunistischen Pass angekommene, sehr junge Julia Kristeva nicht den Feminismus, sondern die Militanz in Frage: „Der Geist trennt sich von den Gruppen“. Kristeva wandte sich immer gegen Dogmen und hat es verstanden, ihre Individualität zu bewahren, selbst gegen die mächtige Gruppe, die sie entdeckte: Die Gruppe um das Avantgarde-Magazin Tel Quel, 1960 von dem jungen und sehr mitreißenden Philippe Sollers gegründet, der mit Kristeva (wenn auch nicht der einzigen Mitarbeiterin) neben Jacques Derrida, Roland Barthes, Michel Foucault, Gérard Genette und Umberto Eco seinem weiblichen Glanz frönte. Eine unvollkommene Gruppe – so Julia Kristeva, ohne sich dabei  zu sehr aufzuregen – wie sie bei jeder Kollision von Egos, die versuchen, einen Bruch egal welcher Art zu schaffen, anzutreffen ist.

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Sind Sprachen im Grunde unübersetzbar?

In seinem Essay »Linguistik der Lüge« (8. Auflage 2016 [1967]) versucht Harald Weinrich unter anderem sich der Frage zu nähern, ob sich die Semantik für das Phänomen Lüge interessieren soll. Dabei geht er an einer Stelle auch auf die immer wieder aufkommende alte Behauptung der Unübersetzbarkeit von Sprachen ein:

„Es erübrigt sich […] die alte Klage, Sprachen seien im Grunde unübersetzbar. »Gemüt« entziehe sich als deutsches Wort ebenso der Übersetzung wie »esprit« als französisches Wort, »business« als amerikanisches Wort. Dilettantische Argumente dieser Art sind ebenso wertlos wie ärgerlich. Die Wörter »Feuer«, »rue«, »car« sind auch nicht übersetzbar. Kein Wort ist übersetzbar. Aber wir brauchen auch gar keine Wörter zu übersetzen. Wir sollen Sätze und Texte übersetzen. Es macht nichts, daß sich die Wortbedeutungen von einer zur anderen Sprache für gewöhnlich nicht decken. Im Text kommt es sowieso nur auf die Meinungen an; und die kann man passend machen, man braucht nur den Kontext entsprechend einzustellen. Texte sind daher prinzipiell übersetzbar.“

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Brücken, Grenzen und Gräben

Die zwölfte Ausgabe des aufwendig gestalteten, mehrsprachigen Literaturmagazins alba. lateinamerika lesen widmet sich anlässlich der 25jährigen Städtepartnerschaft mit einem Dossier urbaner Literatur der Metropolen Buenos Aires und Berlin. In Kooperation mit dem argentinischen Literaturmagazin Hablar de Poesía entstanden, bringt das Dossier Texte von Björn Kuhligk, Eugenia Pérez Tomas, Lucy Fricke, Ariel Magnus und weiterer AutorInnen im Original und deutscher oder spanischer Übersetzung heraus. Es sind Texte, die Grenzen überschreiten zwischen Innen und Außen, organischer und anorganischer Materie, Texte, die die Räume zwischen Stadt und Land, zwischen Lyrik und Prosa besiedeln.

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Waldbrände in Amazonien in den Lateinamerika Nachrichten

In der neu erschienenen Ausgabe der Lateinamerika Nachrichten (Nr. 543/544 – September/Oktober 2019) ist eines der dominierenden Themen die Waldbrände in Amazonien. Einer der Beiträge stellt unter dem Titel „Amazoniens lange Nacht“ die These auf, dass die Waldbrände in Südamerika System haben. Demnach sollen gigantische Infrastrukturprojekte „in Amazonien die weitere Expansion der Agrarindustrie und des Bergbaus ermöglichen“. Dafür soll zunächst der Wald gerodet werden, wonach dann alles abgebrannt wird, um schließlich auf den frei gewordenen Flächen für den Export zu produzieren. Demnach sind Waldbrände in Amazonien „Ausdruck einer tiefergehenden systematischen Zerstörung“.

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Schmetterlinge und Diktatoren

Ende September erscheint im S. Fischer Verlag ein neues Buch mit einem erhellenden Blick auf die Geschichte Lateinamerikas. Michi Strausfeld liefert in »Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren. Lateinamerika erzählt seine Geschichte« in persönlichen Porträts führender Autoren eine einzigartige und farbige Darstellung von 500 Jahren Kulturgeschichte, so wie sie nur die großartige Literatur in ihrer ganzen Spannbreite schildern kann. Dabei ist es ein eher politisches Buch, da Literatur und Politik in Lateinamerika kaum zu trennen sind, und nur mit dem Blick der Autorinnen und Autoren auf ihren Kontinent kann ein Dialog auf Augenhöhe gelingen – nicht durch Eurozentrismus (vgl. die Verlagsankündigung).

Einen ersten Vorgeschmack auf das Buch bietet das Kulturmagazin perlentaucher.de und zeigt den Spannungsbogen der 500 Jahre Kulturgeschichte anhand der Geschichte Mexikos, die sich durch die Romane und Geschichten seiner großen Autorinnen und Dichter erzählen lässt. Es ist eine Geschichte der Gewalt, aber auch des Widerstands der Zivilgesellschaft, wie sie die anderen lateinamerikanischen Länder ebenfalls erzählen könnten.

Le visioni di Johanna – Francesco de Filippo

In Deutschland in den frühen Jahren des Nationalsozialismus ist Sebastian verheiratet, Ingenieur und Vater von fünf Kindern, aber er hat auch romantische Beziehungen zu gleichgeschlechtlichen Jugendlichen. Die Familie gibt vor, es nicht zu wissen, und jeder ist zu einer stillen, schuldbesetzten psychologischen Gefangenschaft verurteilt. Nur für die letztgeborene, die ahnungslose Johanna, ist ihr Vater ein Held, und wird dafür stillschweigend von ihren Brüdern verurteilt. Sebastian wird von der SS verfolgt, schafft es aber zu überleben; nach dem Krieg lässt er alle im Stich und reist ins ferne Indonesien, wo er an einer internationalen Päderastie-Tour teilnimmt und wo er als Erzieher Erfolg hat. Nach seinem Tod verfolgt Johanna seine Schritte in Südostasien und entdeckt, dass ihr Vater nicht der Held war, für den sie ihn hielt.

Le visioni di Johanna von Francesco de Filippo.
Verlag: Castelvecchi (25. Juli 2019), Sprache: Italienisch. ISBN: 9788832825565

Investigativjournalismus und Korruption in Lateinamerika

Reporter ohne Grenzen und die Friedrich-Ebert-Stiftung laden ein zum Podiumsgespräch über Investigativjournalismus und Korruption in Lateinamerika

am Dienstag, den 24. September 2019
von 18:30 bis 20:00 Uhr
in der Potsdamer Straße 144
10783 Berlin (2.OG)

Lava Jato“ (international auch bekannt als „Operation Car Wash“) ist der größte Korruptionsskandal in der lateinamerikanischen Geschichte. Die brasilianische Baufirma Odebrecht hat über Jahre im großen Stil Politikerinnen und Politiker sowie hohe Funktionäre in der Region bestochen. Allein in Peru sind vier der vergangenen fünf Präsidenten involviert. Der Skandal hat ein politisches Beben ausgelöst. Aufgedeckt und vor allem konsequent verfolgt wurde der Skandal insbesondere durch die mutige Recherche von Investigativjournalistinnen und -journalisten.

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Immanuel Wallerstein, der rebellische Intellektuelle, gestorben

© www.iwallerstein.com

Obwohl Immanuel Wallerstein in Nord- und Südamerika zu den bekanntesten Soziologen der Gegenwart zählt, seine Hauptwerke in 20 Sprachen übersetzt worden sind, er Präsident der International Sociological Association (1994 bis 1998) war und einer der Mitbegründer der Welt-System Analyse ist, ist er in Deutschland weitgehend unbekannt. Wallerstein, der am 28. September 1930 in New York geboren wurde, studierte an der Columbia University, wo er nach seiner Promotion eine Professur innehatte. Während seiner umfangreichen akademischen Laufbahn war er Gastprofessor an verschiedenen Universitäten in den Vereinigten Staaten und anderen Teilen der Welt und erhielt Doktorate und andere Ehrenauszeichnungen von mehreren Institutionen, darunter 1998 von der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM). Zwischen 1976 und 2005 leitete Wallerstein das Fernand Braudel Center an der State University of New York, Binghamton (wo er Professor war), das sich der Geschichte des großen sozialen Wandels widmete. Nach seiner Pensionierung im Jahr 1999 wurde er zum Senior Research Scholar an der Yale University ernannt. Er starb am 31. August 2019 mit 88 Jahren.

Science is an adventure and an opportunity for us all, and we are called to participate in it, to build it and to know its limitations.

(Für eine „biographische Wegbeschreibung und zur Welt-System-Analyse siehe auch Heiter, Bernd: „Immanuel Wallerstein: Unthinking Culture?“ In: Moebius, Stephan/Qaudflieg, Dirk (Hrsg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2006. S. 557-570.)