»Literatura de la Onda«: José Agustín

In Mexiko der 1960er Jahre schrieben einige der jungen Schriftsteller über ihr Umfeld. Sie erzählten vom Aufwachsen mit traditionellen Mitteln, verwendeten umgangssprachliche Ausdrücke und bezogen sich dabei auf das Unmittelbare und Konkrete: Orte, Fakten, Menschen, Bräuche, Moden oder bestimmte Persönlichkeiten. Einige von ihnen bezogen auch Referenzen oder Hilfsmittel aus Kino, Rock, Fernsehen, Comics, Fantasie, Träumen, Visionen, Krimis und Science Fiction mit ein. Im Allgemeinen fand eine Wiedereingliederung in die mexikanische Populärkultur statt, auch wenn es lange dauerte, bis dies bemerkt wurde, da es zunächst als Entnationalisierung oder Transkulturalisierung angesehen wurde.

Bild: José Antonio López

Zwischen 1964 und 1973 schrieben sie über die Suche nach Identität, die Entdeckung der Liebe und des Körpers, die Kluft zwischen den Generationen und den Konflikt zwischen Individualität und Gesellschaft oder Politik und Religion, aber auch über Drogen, Guerillakrieg, Kommunen und pseudo-religiöse Spiritualität. Wie von jungen Menschen nicht anders zu erwarten, wurde auch die Erotik erforscht. Letztendlich waren dies die ersten Bekundungen einer Kulturrevolution und der Beginn einer umfassenden Entmystifizierung und Wiederbelebung der Kultur in Mexiko. Der Jugendroman leitete nicht nur den Einstieg in die Postmoderne ein, sondern definierte auch den Geist der neuen Zeit.

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Macht und Gegenmacht in Lateinamerika

Bild: Mandelbaum Verlag

Im Gegensatz zur politischen Gewalt des vergangenen Jahrhunderts hat die neue Gewalt in Teilen Lateinamerikas eine scheinbar unaufhaltsame Eigendynamik entwickelt und keine klar erkennbaren Schaltzentren, oft gar kein erkennbares Ziel. Sie ist expliziter und zugleich undurchschaubarer, lokaler und globaler: scheinbar kann jeder ihr Akteur oder Opfer sein, und die Grenzen zwischen dem Legalen und dem Illegalen, zwischen Staat und organisierter Kriminalität, verrechtlichtem und rechtlosem Leben scheinen zu verschwimmen.

Wie lassen sich die Beziehungen zwischen Ebenen und Orten dieser gewaltsamen Gegenwart denken – vom Körper bis zum Globalen, von Europa bis Lateinamerika? Wo und von wem wird Macht heute organisiert und ausgeübt? Welchen Zweck erfüllt die Gewalt, und wie lassen sich ihre globale Verstrickung entschlüsseln? „Gewalt [ist] nicht nur rassistisch, patriarchal oder klassenspezižsch strukturiert […], sondern [bringt] die dahinterliegenden sozialen Konstruktionen und Kategorien beständig neu hervor[…]. Sie ist ein zunehmend zentrales Element der neoliberalen Subjektivierung und permanenten Eroberung, indem sie nicht nur Körper zerstört, sondern auch die Territorien, und diese dem direkten ZugriŽff des Kapitals preisgibt.“ (S. 13).

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20 Jahre Initiative Freiheit statt Vollbeschäftigung

Die Initiative Freiheit statt Vollbeschäftigung engagiert sich nunmehr seit 20 Jahren für die Disskussion um eine Bedingungsloses Grundeinkommen. Nach eigenen Angaben ist es nicht „verwegen […], wenn man behauptet, die öffentliche Auseinandersetzung um ein BGE habe einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, zumindest zaghafte Schritte zu eröffnen, die Schärfen von „Hartz IV“ zu mildern.“ Angefangen hat alles 2003 mit einer Plakataktion in Frankfurt am Main, welcher eine intensive Auseinandersetzung über die Form sowie die Thesen, mit denen man an die Öffentlichkeit treten wollte, vorausgegangen war. „Gerade in den ersten beiden Jahren war der Aufwand […] erheblich, denn zum einen sollte der Vorschlag Verbreitung finden […], es musste eine Auseinandersetzung im öffentlichen Raum stattfinden, entsprechend mussten die Thesen“ verbreitet werden.

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Küstenverbindende Bahnlinie

Bild: FONADIN

Viele Jahre lang war „El Chepe“ der einzige in Mexiko verkehrende Personenzug, der durch einen Teil des beeindruckenden Gebirgszugs „Barranca de cobre“ in der Sierra Tarahumara im Norden des Landes fuhr. Dies änderte sich im September 2023, als der amtierende Präsident Mexikos, Andrés Manuel López Obrador (AMLO), die zur Hälfte fertiggestellte Strecke des Intercity-Zugs Mexiko-Toluca einweihte. Der eigentliche Durchbruch für die mexikanische Eisenbahninfrastruktur kam jedoch am 15. Dezember, als die erste Etappe des berühmten und nicht unumstrittenen Tren Maya im Südosten des Landes in Betrieb genommen wurde. Ein anderes symbolträchtiges Werk der sechsjährigen Amtszeit des mexikanischen Präsidenten, das weitaus weniger Beachtung findet, ist der Transportkorridor im Isthmus von Tehuantepec, der kilometerlange alte Bahnstrecken zwischen den Bundesstaaten Oaxaca und Veracruz wiederbelebt, und den AMLO am Freitag, den 22. Dezember 2023, für den Personenverkehr eröffnete.

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„Through the clear skies of literature“

Unter diesem Motto wird Chile vom 6.-10. Oktober 2027 Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Dabei wird Chile seine Literatur und Kultur als Gastland der 79. Buchmesse präsentieren. Der erste Marktschwerpunkt des Ehrengastprogramms der Frankfurter Buchmesse im Jahr 1976 war „Lateinamerika„. Chile ist nach Mexiko (1992), Brasilien (1994 und 2013) und Argentinien (2010) das vierte lateinamerikanische Land, das seine Literatur und Kultur als Gastland der Buchmesse präsentieren wird. Seit 1976 finden auf der Frankfurter Buchmesse Ehrengastpräsentationen statt. Sie fanden zunächst alle zwei Jahre statt und wechselten sich mit thematischen Schwerpunkten ab. Seit 1988 stellt jedes Jahr ein anderes Land oder eine andere Region ihre Literatur und Kultur in Frankfurt vor.

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Dokumentarfilm „Silence Radio“

Bild: jip film & verleih

Nach dem Skandal um das ‚weiße Haus‘ des mexikanischen Präsidenten Enrique Peña Nieto (2012-2018, PRI) wird die Radiojournalistin Carmen Aristegui entlassen. Seither kämpft sie mit dem eigenen Internetauftritt gegen die Zensur und für eine freie Meinungsäußerung in Mexiko. Der Dokumentarfilm “Silence Radio” begleitet die unbeugsame Frau während sie weiter publiziert und ein Team von investigativen Journalisten durch die vergiftete mexikanische Medienlandschaft manövriert.

Die regierungskritische Enthüllungsjournalistin und Nachrichtensprecherin ist eine der wenigen Stimmen Mexikos mit dem Mut zur Wahrheit. 2015 wird Aristegui  mit ihrem Team bei MVS entlassen und verklagt, weil sie die Verwicklung der Präsidentenfamilie Peña Nieto in einen Immobilienskandal enthüllte. Die Bevölkerung reagiert mit Protesten, mehr als 200.000 Menschen unterzeichnen eine Petition.

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Premio Carlos Fuentes 2023: Elena Poniatowska

Am 9. November 2023 wurde die mexikanische Journalistin und Schriftstellerin Elena Poniatowska Amor im Großen Saal des Palacio de Bellas Artes in Mexiko-Stadt mit dem Premio Internacional Carlos Fuentes a la Creación Literaria en el Idioma Español 2023 ausgezeichnet. Diese angesehene Auszeichnung, die von der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) und dem Kulturministerium des Bundes verliehen wird, hebt Poniatowskas herausragende Karriere und ihre wertvollen Beiträge zur Literatur im Laufe der Jahre hervor. Die mit der Vergabe des Preises beauftragte Jury beschloss einstimmig, den Preis an Elena Poniatowska zu verleihen, weil ihre Texte entscheidende Momente der mexikanischen Geschichte erzählen und dabei Zeugnis und Fiktion meisterhaft miteinander verbinden.

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Buchvorstellung auf der FBM23

Bild: © Mathias Sasse

Auf der 75. Frankfurter Buchmesse 2023 hatte Jorge Montealegre die Möglichkeit, sein Buch Nationalstadion 1973. Autobiographischer Essay (sp. Frazadas del Estadio Nacional) vorzustellen. Im Rahmen des Übersetzungsförderungsprogramms der Abteilung für Kulturen, Kunst, Kulturerbe und öffentliche Diplomatie (División de las Culturas, las Artes, el Patrimonio y Diplomacia Pública, DIRAC) ins Deutsche übersetzt, stellte der Autor den autobiographischen Essay an verschiedenen Orten in Frankfurt, Berlin und Bochum vor. In Frankfurt nahm er neben seinen Auftritten auf der FBM23 an dem Seminar „Chile a 50 años del golpe“ an der Goethe-Universität Frankfurt teil und sprach mit Wissenschaftlern und Studierenden. Die erste Buchvorstellung fand in Bochum in den Räumen des Fritz Bauer Forums statt, und die Chilenische Botschaft lud ihn nach Berlin ein, um sein Buch auch dort vorzustellen.

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Immer im Regen

Bild: Calixta Editores

Veronica („Nika“) ist eine Studentin, die von ihrem Freund Andrés ohne jede Erklärung verlassen wird. Jahre später denkt sie immer noch an ihn, und als ihr aktueller Freund, Eduardo Caballero, ihr einen Heiratsantrag macht, beschließt sie, ihre Jugendliebe zu suchen, um ihn um eine Erklärung zu bitten und so ihr Leben fortzusetzen. Auf dieser Suche nach der Wahrheit entdeckt Nika ein großes Geheimnis, das ihr Leben für immer verändern wird. Dabei verfügt die Autorin des Romans, Emma Claus, nach Ansicht von Andrés Mauricio Muñoz über eine sorgfältige, behutsame Stimme, die sich in dem Roman Siempre bajo la lluvia um die traditionellsten Konventionen des Genres kümmert, um jenen Geist zu enthüllen, welcher der Freundschaft, der weiblichen Empathie und der Einigung über die Rolle, die dem stereotypen Bild von Liebe und Begehren zukommt, zugrunde liegt. Schon in diesem Debüt-Roman macht Emma Claus deutlich, dass ihr Engagement für die Literatur eine Frage der Überzeugung sowie des Handwerks ist.

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Kressmann Taylor: Adressat unbekannt

Bild: Hoffmann und Campe

Gestaltet als Briefwechsel, ist „Adressat unbekannt“ von Kressmann Taylor von beklemmender Aktualität und zeichnet in bewegender Schlichtheit die dramatische Entwicklung einer Freundschaft zwischen einem Deutschen und einem amerikanischen Juden in den Monaten um Hitlers Machtergreifung nach. Erstmals 1938 in der New Yorker Zeitschrift Story veröffentlicht, stellt der fiktive Briefwechsel schon zu diesem frühen Zeitpunkt das zersetzende Gift des Nationalsozialismus erzählerisch dar. »Diese Geschichte ist meisterhaft, sie ist mit unübertrefflicher Spannung gebaut, in irritierender Kürze, kein Wort zuviel, keines fehlt«, so Elke Heidenreich im Vorwort. »Ohne Umschweife werden exemplarische Lebensgeschichten erzählt, wird Zeitgeschichte dokumentiert.«

Angesichts der zunehmenden Rechtsradikalität, weltweiten Fremdenfeindlichkeit und des wachsenden Antisemitismus druckte Story das kleine Meisterwerk im Jahr 1992 noch einmal ab. Und auch wenn das Buch in Deutschland »viel gelesen, gelobt, rezensiert« wurde, sollte es nach Heidenreich »Schullektüre werden, Pflichtlektüre für Studenten, es sollte in den Zeitungen abgedruckt und in den Cafés diskutiert werden.« Die zeitlose Botschaft von „Adressat unbekannt“ wendet sich an unser moralisches Empfinden, und nicht zuletzt deshalb hat dieses Buch einen Platz in jedem Bücherregal verdient.